Von Rolf Zundel

Es war schwierig, Margarete Mitscherlich-Nielsen zu erreichen. Und das war kein Zufall. Vor einem halben Jahr, bei einer Fernsehdiskussion über das Thema „Keine Lust auf Kinder?“, hatte sie gesagt: „Wissen Sie, daß die Deutschen aussterben, so wie sie bisher waren – zwei Weltkriege haben sie vom Zaun gebrochen, millionenfachen Völkermord haben sie hinter sich gebracht ... in ihrer besonderen Art des Nationalgefühls – das kann man eigentlich nicht bedauern.“ Daß sie für Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Mentalitäten warb, für einen menschlichen Umgang mit Gastarbeitern und Asylanten, daß sie das Gespenst der „Überfremdung“ verscheuchen wollte – diese Botschaft kam bei vielen nicht an; sie ist ja auch angstbesetzt, Jedenfalls fühlten sich viele Zuhörer gekränkt. Springer-Zeitungen und im Gefolge die Nationalzeitung schürten mit kernigen Überschriften – „Deutsche können ruhig sterben!“ – den Protest. Die „Hetzerin“, Ehefrau des verstorbenen „Umerziehers“ Alexander Mitscherlich, fand sich in einer deutschen Jagdszene wieder: unflätige Briefe in Massen, Beschimpfungen und Morddrohungen. Frau Mitscherlich hat ihr Telephon abgemeldet.

Einiges ist typisch an dieser Szene. Nicht nur der Umstand, daß Frau Mitscherlich, vorher gern gesehener Gast des Fernsehens, nicht mehr zu Diskussionen gebeten wurde. Typisch ist auch, wie genau sie die neurotischste Stelle in der deutschen Psyche getroffen hat, wo sich NS-Vergangenheit, Angst vor dem Aussterben des eigenen Volkes und Fremdenhaß verknäueln. Und von ungefähr kommt es wohl auch nicht, daß ihr (und das begann schon, ehe sie zusammen mit Alexander Mitscherlich „Die Unfähigkeit zu trauern“ geschrieben hatte) eben diese Unfähigkeit, die Vergangenheit aufzuarbeiten, immer wieder begegnet.

Siebzig Jahre wird Margarete Mitscherlich alt, und sie kann immer noch von Herzen zornig sein. Die Anlässe finden sie, und sie findet die Anlässe ohne Schwierigkeit: die Historikerdebatte, das Rechtfertigungsbuch des „furchtbaren Juristen“ Filbinger, manche Vokabeln der Wende-Sprache, die antisemitischen Ausschwitzungen der Waldheim-Debatte. Und sie ist ziemlich skeptisch, ob die Bürger der Bundesrepublik die alten Schatten losgeworden sind: „Faktisch ist es eine Minderheit, die die Augen vor der deutschen Katastrophe nicht verschließt und aus der Vergangenheit gelernt hat.“

Unterschätzt sie da nicht das, was sie und ihre Freunde erreicht haben? War die Unfähigkeit zu trauern nicht doch einer der ganz seltenen geglückten Versuche, ein tiefenpsychologisch fundiertes Erklärungsmuster in die Politik einzuführen? In welchem anderen Land ist so leidenschaftlich über die Vergangenheit gestritten worden, wo sonst gibt es eine so starke und ernsthafte Friedensbewegung?

Frau Mitscherlich hört sich das an, aber mehr beschäftigt sie die beiläufige Frage, ob der erhobene Zeigefinger erkenntnisfördernd wirken könne. „Ich will doch nicht moralisieren“, entgegnet sie. Auf dem Podest der Unfehlbarkeit sieht sie sich schon gar nicht. „Meine Schärfe hat wohl auch mit Selbstkritik zu tun; Ideale, die man selbst mühsam überwunden hat, sieht man besonders kritisch.“

Der Gedanke, zu wenig getan zu haben, damals und später, treibt sie um. Sie sagt das leise, nachdenklich, aber dann fragt sie, und ihre Augen blitzen: „Soll ich denn meinen Zorn in mich hineinfressen, ihn sauer werden lassen?“ Mit einem herzlichen Lachen gibt sie sich selber die Antwort. Wenn es um die Offenlegung von falschen Werten und Idealen geht, um die öffentliche Debatte, das räumt sie gerne ein, da formuliert sie „hart und sehr deutlich“.