Der zornige Schäferhund hat keine Chance. Resigniert kläfft er die dunklen Wagen an, die am Stall seines Herrn vorbeigleiten. Dutzende, schließlich Hunderte tauchen aus dem Waldstückchen auf, nehmen ruhig oder schnittig die Kurve und verschwinden in der Ferne, im zarten Bodennebel der Wiesen rechts und links der schmalen Landstraße.

Eine gigantische Bürgerinitiative in Aktion, ein mächtiger Autokorso rollt auf Schloß Wotersen zu. In den dunkelblauen Daimlern, Jaguars und BMWs – hin und wieder auch ein Opel, Ford oder R 4 unter ihnen – sitzen festlich gekleidete Menschen mit erwartungsfrohen Gesichtern. Der Parkplatzwächter, in Stalltracht, begrüßt jedes Auto mit einem unterwürfigen Senken des Kopfes, so, als führen die Gäste in Kutschen vor. Sein Kollege, zehn Meter weiter, kassiert ergeben lächelnd zwei Mark Parkgebühr.

Im Schloßhof, wo sich sonst die Schicksale der Guldenburgs kreuzen, promenieren an diesem Abend einige Hundertschaften der von unserem Bundespräsidenten so genannten „gigantischen musikalischen Bürgerinitiative“ Deutschlands. Das Schleswig-Holstein Musik Festival, im letzten Jahr von Norddeutschen gegründet, ruft wieder zur Versammlung: Andrej Gawrilow, der russische Starpianist, spielt Schumann und Schubert. Hunderte sind zusammengeströmt, um in der Reithalle des Schlosses ihre Musikleidenschaft zu demonstrieren.

Noch 150 Konzerte dieser Art werden rund 150 000 Menschen bis Ende August zusammenführen, in Scheunen, Kirchen, Herrenhäusern und Stadthallen des nördlichen Bundeslandes. Die Reithalle aus dem 18. Jahrhundert hat die Musikenthusiasten herausgelockt, sie schätzen es, klassische Musik in gutsherrlichem Ambiente zu genießen. Ein Holzfußboden, enge Stuhlreihen und ein Podest haben die Reithalle zwar einem Konzertsaal sehr ähnlich gemacht, aber das spitze Holzdach und der Pferdegeruch sind unverfälscht. Und die Hinweistafeln vor dem Stalltor stecken in Zacken von echten Mistgabeln; sie fordern die Besucher auf, sich „Pausen-Wertmarken für Champagner, Sekt, Bier und die Kartoffel Surprise, gefüllt mit Mus aus Kräutern, Speck und Lachs“ zu sichern.

Gawrilow wächst an diesem Abend über sich hinaus. Er spielt nicht nur auf dem Klavier – überragend; er spielt auch gegen drei Schwalben und die Hitze – unentschieden. Immer wenn er besonders zärtlich die Tasten des Flügels streichelt, tremolieren die Vögel auf den Dachbalken besonders vorlaut; erst energisches Fortissimo zwingt sie zeitweilig zum Verstummen. „Kultur und Natur“, resümiert Hausherr Graf Bernstorff später schweißgebadet, „vertragen sich sehr wohl.“

Wer jahraus, jahrein in sterilen Konzertsälen sitzt, ist froh, wenn er seinen Schubert, Haydn oder Mozart mal in einer Scheune zu hören bekommt. Dieser Kitzel, vom Sog der großen Namen einmal abgesehen, zieht die kulturbeflissenen Großstädter hinaus aufs Land, hinein ins Schleswig-Holstein Musik Festival. Zugleich dem einfachen Leben und der Hochkultur nahe zu sein, davon träumen Klassikliebhaber ebenso wie Rockfans – und zelebrieren in Ställen ihr Woodstock in moll.