Von Rudolf Kahlen

Ehe man sich versieht, ist alles passiert. Profis klauen nahezu geräuschlos in weit weniger als einer halben Minute eingebaute Radios aus parkenden Autos. Dafür schlagen sie nicht wie die vielen Amateure das Seitenfenster mit dem Porzellankopf einer alten Zündkerze ein; die Fingerfertigen schieben vielmehr ein dünnes Sägeblatt zwischen Gummidichtung und Seitenfenster und entriegeln so praktisch jede Tür. Ein paar Sekunden später ist das Radio mit Spezialklammern aus der Halterung gezogen.

Nur HiFi-Geräte der gehobenen Preisklasse gelten als lohnendes Diebesgut. Mit digitaler Frequenzanzeige, Sendersuchlauf, Verkehrsfunktaste und Autoreverse müssen sie schon ausgerüstet sein. Radios, die im Geschäft für unter fünfhundert Mark erstanden werden können, sind den Bruch nicht wert, weil billige Ware beim Weiterverkaufen an den Hehler kaum etwas abwirft.

Im statistischen Durchschnitt wechselt in der Bundesrepublik alle ein bis zwei Minuten ein Autoradio gewaltsam den Besitzer – an die vierhunderttausendmal allein 1986. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Anstieg um fünfzig Prozent. Ebenso sprunghaft haben sich auch die Schadenzahlungen der Autoversicherer entwickelt. Mußten sie 1985 noch 270 Millionen Mark für Radioklau an ihre Kunden überweisen, waren es 1986 schon gut vierhundert Millionen Mark – weit mehr als für gestohlene Autos gezahlt werden mußte. Die schlugen nämlich im vergangenen Jahr mit dreihundert Millionen Mark zu Buche.

In den Großstädten haben sich Jugendbanden auf den Radio- und Recorderklau spezialisiert. Gearbeitet wird vornehmlich nachts und oftmals auf Bestellung. Meist trifft es Laternenparker am Straßenrand, als bevorzugte Ziele der Gangs gelten aber auch Parkplätze, Tiefgaragen und Parkhochhäuser. Dabei haben es die Langfinger besonders auf nahezu fabrikneue Geräte bestimmter Fabrikate abgesehen, weil die bei Hehlern besonders beliebt sind. Gezahlt werden meist zehn bis höchstenfalls zwanzig Prozent des eigentlichen Kaufpreises.

Die Transaktion „Ware gegen Kasse“ spielt sich in Diskotheken, Spielhallen oder gar vor dem Schulgebäude ab. Letztlich finden sich die Geräte in Hinterhofwerkstätten wieder, bei Ersatzteilhändlern, auf Flohmärkten, oder sie verschwinden lastwagenweise auf Nimmerwiedersehen im Ausland. Der Verband der Autoversicherer schätzt, daß immer mehr zwischen Flensburg und Berchtesgaden geklaute Autophonogeräte auf dem europäischen Hehlermarkt abgesetzt werden – vornehmlich in Italien, Spanien und Portugal. Allerdings kommt durchaus auch einmal Lateinamerika als Bestimmungsort in Frage. So entdeckte die Polizei im Hamburger Hafen vor geraumer Zeit einen Container, bestückt mit zweihundert geklauten Autoradios, der schön bereitstand für die große Reise.

Nicht nur für die Versicherungsgesellschaften ist jetzt das Maß voll. Zusammen mit Autoradioherstellern, Automobilbauern und Polizei einigten sie sich deshalb darauf, daß demnächst möglichst alle, zumindest aber die teuren HiFi-Anlagen, eine Produktionsnummer eingestanzt bekommen. Derzeit haben Diebe und Hehler nämlich noch ein leichtes Spiel. Gerätenummer, Typ, Herstellungsjahr und Produktionsnummer stehen auf einem Zettel, der hinten am Gehäuse klebt. Wer diese Urkunde abreißt, macht der Polizei eine Fahndung nach Diebesgut nahezu unmöglich. So ist es den Beamten in der Vergangenheit schon oft genug passiert, daß offensichtliches Diebesgut nicht sichergestellt werden konnte, weil sich der Hehler als eifriger Sammler von Autoradios ausgab. Nicht umsonst wird nur etwa jeder fünfte Diebstahl aus Autos aufgeklärt.