Wie spricht der Professor? „Ich habe bewiesen, daß ... Punktum.“ Jedenfalls ist die Meinung weitverbreitet, ein Professor müsse so sprechen. Und daß jener Typ, der tatsächlich so sprach, während die Eleven zu seinen Füßen ehrfurchtsvoll erschauerten, im Aussterben begriffen ist und heute ein ganz anderer Ton in die Wissenschaften einzieht, ein Ton radikaler Moderation, des Understatements, führt immer wieder zu Mißverständnissen.

Da ist beispielsweise im Radio von der großen spanischen Vergiftungsepidemie vom Sommer 1981 die Rede, bei der 584 Menschen zu Tode kamen und über 25 000 teilweise bleibende Gesundheitsschäden davontrugen; von dem Prozeß gegen die mutmaßlichen Schuldigen, der sich zur Zeit in Madrid hinschleppt; von einem neuen Gutachten des von der Weltgesundheitsorganisation bestellten neutralen Sachverständigen, des Oxforder Epidemiologen Sir Richard Doll. Der war 1985 zu dem Schluß gekommen, daß die „einzige wahrscheinliche Ursache“ für die Vergiftungen gepanschtes (nämlich mit für industrielle Zwecke bestimmtem Rapsöl gestrecktes) Olivenöl war, daß sich das jedoch nicht lückenlos beweisen ließe.

Inzwischen aber hat er nun einige der damaligen Lücken geschlossen und einen Nachtrag zu seiner damaligen Expertise per Diplomatengepäck nach Madrid geschickt. Schon damals stand fest, daß das Vergiftungssyndrom mit wenigen Ausnahmen nur dort aufgetreten war, wo das „verlängerte“ Speiseöl verkauft wurde. Jetzt steht darüberhinaus ein Zusammenhang zwischen der Dosis und der Wirkung fest: Wo jenes Öl mehr als 0,6 Promille Ölsäureanilid enthalten hatte, war die Erkrankungsrate auf das Zwanzigfache hochgeschnellt. Ein Indiz, dem man einfach nicht entrinnen kann.

Aber, so nun etwa der Kommentator: Doll habe bedauerlicherweise auch diesmal wieder hinzugesetzt, es seien weitere Untersuchungen nötig, es müßten Experten aus den anderen zuständigen Disziplinen hinzugezogen werden – also glaube er wohl selber nicht an seinen Beweis, und das Tribunal in der Casa del Campo stehe mit genau so leeren Händen da wie vorher ...

Und da haben wir unser Mißverständnis.

Angelsächsische – und zunehmend auch deutsche – Professoren sprechen nicht, wie man es in unseren Breiten weithin noch von einem Wissenschaftler erwartet: „Ich habe zweifelsfrei bewiesen ...“ Man kann kiloweise angelsächsische Forschungsliteratur nachlesen, ohne auch nur einmal auf einen derartigen Satz zu stoßen. Ihre zentralen Aussagen kommen gern bescheiden und unscheinbar daher: „Scheint es sich so zu verhalten, daß ...“, „Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit darf man annehmen ...“ Und es gehört zum guten Ton, daß ein Wissenschaftler auch noch auf jene Aspekte des Problems aufmerksam macht, die er selber nicht ausleuchten konnte, und überhaupt die Kollegen zu weiterer Forschung ermuntert, denn bekanntlich sehen vier Augen manchmal mehr als zwei.

Für den, der diesen Stil versteht, entwertet er seine Ergebnisse damit nicht im mindesten. Im Gegenteil, er gibt auf diese Weise zu Protokoll, daß er sie in vollem Bewußtsein der Gegenargumente, der Fragwürdigkeit jeder Beweisführung gewonnen hat.