Gleichgültig, wieviel Sterne ein Hotel hat, auch in der Billig-Klasse möchte sich der Gast nachts ins "gemachte" Bett legen. Aber es gibt feine Unterschiede zwischen Touristen- und Nobel-Hotels. Sie bestehen auch darin, daß Betten um so häufiger kontrolliert werden, desto mehr Sterne ein Hotel hat. Das bezieht sich auch auf Betten, die schon "gemacht" worden sind.

Vielleicht liegt ein Kissen schief, oder es muß die Tagesdecke noch einmal glattgestrichen werden. Auf jeden Fall ist die Gefahr groß, daß sie in einem Mehr-Sterne-Hotel noch mit den Aufräumungsarbeiten im Zimmer beschäftigt sind, wenn du von deinem morgendlichen Stadtbummel zurückkommst. Schlimmer als das, manchmal scheint es dem emsigen Hotelpersonal sogar eine tiefempfundene Freude zu bereiten, selbst noch nach dem Mittagessen einmal nachzusehen, ob denn nun wohl alles in Ordnung sei. Dazu gehört zweifellos auch jenes Verantwortungsgefühl, das die Zimmermädchen gelegentlich überkommt, wenn du schon am hellichten Tag das Schild an den Türgriff gehängt hast: "Bitte nicht stören" – "Do not disturb."

Mal sehen, sagt sich die Kleine, ob da auch nichts passiert ist. Und dann steht sie plötzlich vor dir, während du ihr voller Gewissensbisse ("darf man mittags schon schlafen?") aus halber Höhe entgegenblinzelt. Und dann sagt sie: "Ach entschuldigen Sie bitte, aber ich wollte nur mal die Zahngläser nachsehen." Natürlich, sie will etwas ganz anderes. Sie will nämlich sehen, ob sie das morgens "gemachte" Bett abends nochmal "machen" muß.

Wie auch immer, wir sind gewohnt, daß unsere Hotel-Betten nicht vom männlichen, sondern vom weiblichen Personal "gemacht" werden. Aus diesem Grund werden beim Kommiß, wo weibliches Personal in den Kasernen nicht vorgesehen ist für die Stuben, Betten auch nicht "gemacht", sondern "gebaut". Die Sprache entlarvt.

Ich bin zum Beispiel heute noch davon überzeugt, daß unser "Spieß", damals im Zweiten Weltkrieg, jeden Angriff auf unsere "Einheit" für null und nichtig erklärt hatte, wäre ihm zur gleichen Zeit ein Bett in der Unterkunft aufgefallen, das nicht "auf Kante" gebaut war. Eine Pflichtübung ohne jeden Hang zur Geselligkeit.

Nun, wir haben keinen Grund, uns die Kunst des Bettenmachens dadurch vermiesen zu lassen, daß beim Kommiß die Betten auch heute noch "gebaut" werden. Wenn sich bei uns zu Hause Gäste ankündigen, die über Nacht bleiben wollen, dann sagt meine Frau: "Ich werde schon mal die Betten machen." Und wenn der Besuch dann da ist, findet er ein "gemachtes" Bett vor, das ihn sofort jeder Sorge enthebt, nachts anders als zu Hause schlafen zu müssen.

Neulich kam ich nach einem Stadtbummel mittags in mein Hotel zurück. Das Bett war schon "gemacht". Aber so, als hätte das Zimmermädchen mein Mittags-Schläfchen geahnt und gleichzeitig zu verhindern gesucht. Die Tagesdecke war fest verzurrt von oben bis unten. Man hätte sogar die Matratze liften müssen, um ans Leinen zu kommen. Das Bett, so empfand ich, war "gebaut", wie damals beim Kommiß.

Aber dann kam sie, das reizende Zimmermädchen, und sie fragte ganz unschuldig, ob sie irgendwie helfen könne, sie wolle ohnehin die Zahngläser nachsehen. – Ich habe mir die Freiheit genommen, an diesem Tag auf mein Mittagsschläfchen zu verzichten. Fragen wir bitte nicht, wie unsereins reagiert hätte, wenn statt des Zimmermädchens ein Zimmermann das Bett "gemacht" hätte. Gerhard Seehase