Von Benedikt Erenz

Der Apfelkuchen ist gut, auch der Kaffee, doch irgend etwas stört, stört ganz kolossal. Der Blick wandert über die leeren Tische des kleinen Biergartens am Rande des Ausstellungsgeländes und weiter über den großen grauen Platz, auf dem einmal der wunderschöne Anhalter Bahnhof stand, von dem die Berliner Nachkriegszerstörer nur noch das Eingangsportal stehenließen. Dort vorne, bei der kleinen Ruine am Askanischen Platz, sieht man ein weißes Zeltdach, Buden, einige sonderbare Objekte – Gipsfiguren, Glasskulpturen – und weiter zurück, dem Biergarten gegenüber, eine Reihe von Bahnwaggons, sorgsam arrangiert. Prachtvolle Salonwagen neben Güterwaggons für die Deportation in den Tod – deutsche Geschichte als Eisenbahngeschichte, wenn der Besucher richtig kombiniert hat. Von dorther kommt, was stört: etwas wie menschliches Bellen, ein quäkendes Stakkato, die Stimme scheint bekannt. Aus einem Kassettenrekorder, wohl auf das Dach oder unten, zwischen die Räder eines der Waggons montiert, fliegen mit dem staubigen Wind Fetzen einer Hitler-Rede herüber: „... die freche Judenherrschaft brechen ... die Reinheit des Blutes...“ Der Apfelkuchen ist ganz ausgezeichnet, auch der Kaffee, der Himmel preußisch-blau.

„Erlebnisräume und Erinnerungsbilder“ wollte man hier „schaffen“, und Eberhard Knödler-Bunte, einer der Erfinder der „szenischen Ausstellung Mythos Berlin“ auf dem Gelände des Anhalter Bahnhofs, verspricht in seinem Vorwort zum Katalog noch manches mehr: „Hier findet jeder seine Anhaltspunkte: vertraute Erinnerungen und ungewohnte Perspektiven, vergessene oder verdrängte Erfahrungen, ironische Anspielungen und liebgewordene Blicke auf sein Berlin ... Hier ist alles Schein: Kulisse, Attrappe, Zitat, Spiel und Spaß.“

Ja, das ist es wohl: „Kulisse, Attrappe, Zitat, Spiel und Spaß“ – Kaffee und Kuchen und Hitler für zwölf Mark. Und irgendwie stimmt das ja auch mit den „Erlebnisräumen und Erinnerungsbildern“; denn saßen sie nicht so, damals in den Dreißigern, bei Kaffee und Kuchen in ihren Wohnzimmern und hörten Führer-Reden aus dem Volksempfänger? Ist denn das nicht absolut authentisch? Wird man da nicht ein geradezu echtes historisches Erlebnis mit nach Hause tragen?

Wahrscheinlich begann es mit dem Erlebnis-Urlaub, schon Anfang der siebziger Jahre, dann kam der Erlebnis-Einkauf, als die neuen Passagen und Luxusmetros eröffnet wurden, dann die Erlebnis-Restaurants mit Salatbuffet, und jetzt also die Erlebnis-Ausstellungen. „Mythos Berlin“ ist nur das jüngste Beispiel. Schon die große Fin-de-siècle- Revue „Traum und Wirklichkeit“ in Wien vor zwei Jahren hatte da Maßstäbe versetzt, und auch andere „Projekte“, wie zum Beispiel die Stuttgarter Ausstellung zur Geschichte der Jugendkultur „Schock und Schöpfung“, überraschten den Besucher mit manch schönem Erlebnis.

Geschichte, Kulturgeschichte, wird hier nicht mehr bloß gezeigt, dargestellt, dokumentiert – wie noch in den großen historischen Ausstellungen der siebziger Jahre („Rhein und Maas“, „Die Staufer“, „Tut-ench-Amun“) –, sondern inszeniert. Nicht mehr das Zeitzeugnis steht im Mittelpunkt, sondern das „künstlerische“ Arrangement, das Environment, die szenische Interpretation. Der Besucher soll erleben und nachempfinden – zum Nachdenken kommt er nicht mehr.

Sicherlich steckt hinter diesem Konzept (wenn es denn eins ist) mehr als nur der Erlebnishunger gelangweilter Zeitgenossen, nämlich auch die Grundfrage jeder Geschichtsschreibung: Wie soll, wie kann man – wenn überhaupt – historische Erfahrung weitergeben?