Nur ja keine langweiligen Vitrinen mehr, keine Bischofsmitren und Ratsherrnbecher hinter Glas! Nur keine „Flachware“, keine langen Schrifttafeln mehr, mit der Lupe zu lesen, die das Museum zum aufgeklappten Schulbuch umfunktionieren und jedes Exponat mit erhobenem Zeigefinger in Merkstoff verwandeln – der Streit um das Historische Museum in Frankfurt ist noch in guter Erinnerung. Statt dessen soll das historische Ereignis nun multimedial wiederaufbereitet werden, möchte man dem Nachgeborenen zumindest ein Erfahrungssurrogat bieten: Geschichte im Simulator, die Ausstellung als Zeitmaschine.

Der Besucher erinnert sich gerne der Szenen aus der Kindheit als er an solchem Süßstoff noch seine herzliche Freude hatte: an einen Tag im Deutschen Museum in München oder an einen Nachmittag bei Madame Tussaud in London. Das waren tatsächlich „unvergeßliche Erlebnisse“ (und fast schon Erfahrungen), wie man dort in den Vitrinen des Riesenmuseums an der Isar per Knopfdruck Hunderte von Schaufeln und Hebeln in Bewegung setzen und beobachten konnte, wie der

Blitz abplatzte an Faradays Käfig und der Mann darin ganz heil und lustig nachher wieder ausstieg. Und wie man in London im Bauch der Victory stand, im Lärm der Trafalgar-Schlacht, neben den Männern an ihren Kanonen, wo das Feuer aufzischte und die Geschosse krachten und man im Nu vergessen hatte, daß alles nur aus Wachs war. Das erlebte man wie im Kino, wie „Ben Hur“ und „Die Nibelungen“ und „Vom Winde verweht“. Geschichte zum Anfassen, als sei man dabei. „Kulisse, Attrappe, Zitat, Spiel und Spaß“ – es ist, als ob die neuen Historien-Spektakel etwas von der Kindheitsfaszination durch Geschichte hinüberretten wollten ins Erwachsenenalter.

Doch leider, leider: plötzlich ist man erwachsen, und da will man viele Dinge schon etwas genauer wissen, will hinter die Kulissen und Attrappen schauen und sich mit dem einen Zitat nicht mehr begnügen, sondern das ganze Buch lesen. Da reicht es dann einfach nicht mehr, was zum Beispiel den Wiener Ausstellungsmachern zum Thema Freud einfiel: ein hoher Raum in blauviolettes Licht getaucht (= das Unterbewußte?) und eine schmale Stele mit der Couch en miniature. Und da reicht es auch nicht, wenn eine Künstlergruppe auf der Mythos-Ausstellung in Berlin zur Deutung der deutschen Psyche ein Zimmer mit allerlei Klischee-Zitaten ausstaffiert (einem ausgestopften Hund zum Beispiel) und in die Mitte des Raumes ein Aquarium stellt, worin eine Baby-Puppe mit Kriegsschiffsmodellen spielt, und dazu im Katalog erklärt wird: „Hier spielt das Kind, das dann zum Kaiser erwachsen sollte, mit den untergegangenen Resten der Skagerrakflotte, ein kleiner Dämon, Vorläufer einer ungleich größeren nationalen Schicksalsfigur, die es verstand, ihr Signum in die Köpfe der Bevölkerung einzupflanzen, so bleibend, daß es dort bei vielen noch heute zu finden ist.“ Und da ist man dann schon sehr irritiert, als man – in einem Interview des Spiegel – lesen muß, wie der Historiker Arnulf Baring sich die Abteilung Nationalsozialismus in dem geplanten „Deutschen Historischen Museum“ des Kanzlers Kohl vorstellt: „Wenn man dem imperialen Anspruch des Dritten Reichs gerecht werden will, braucht man eine riesige Halle: zwölf Meter hoch, schwarz ausgeschlagen, mit Siegesfanfaren... Daneben müßten die KZs... Aus der düsteren Prunkhalle müßte man unmittelbar in scheinwerferüberstrahlte Stacheldrahtverhaue geraten, in den Geruch von Gasöfen ... Museum als Erlebnisraum!“

Warum dann nicht gleich das KZ als Freizeitpark Naziland, mit Häftlingsjacken zum Überstreifen für die Besucher und, gegen zehn Mark Aufpreis, Scheinerschießung an der Schwarzen Wand? Im Umgang mit der älteren Geschichte ist man ja auch nicht so pingelig. Da werden ganze Römerstädte wieder rekonstruiert (wie in Xanten), und von Entenhausen bis Tokio gibt es allsommers Ritterturniere in jeder Ausstattungsklasse; das bayrische Städtchen Gundelfingen kehrt in diesem Jahr sogar, so stand zu lesen, ganz „ins Mittelalter zurück“, für eine Festwoche jedenfalls (zur Erinnerung an eine Belagerung der Stadt im 15. Jahrhundert), mit Heerzug und Lagerleben und allem, was dazu gehört. Vielleicht könnte ja auch unser trübseliges Jahrhundert seinen Beitrag zur historischen Gaudi leisten. Geschichte konsumgerecht, Vergangenheit als Eis am Stiel zum Weglutschen – die Gefahr ist groß, daß die schleichende Infantilisierung der Kultur schon böse Schäden angerichtet hat. „Luna Luna“ mag lustig sein, solange es Jahrmarkt bleibt, Spiel und Spaß – zur Geschichtsdarstellung und -deutung taugt es nicht. Es sei denn, man will historische Ausstellungen und Museen wieder zurückverwandeln in die Monstrositäten- und Curiositäten-Kabinette des 17. und 18. Jahrhunderts, wo nur das Bizarre und Aparte zählt: Sollte das Wendependel jetzt so weit zurückgeschlagen sein?

Dabei zeigt gerade Berlin, daß es anders geht, daß man Geschichte, vor allem die sogenannte „jüngste Vergangenheit“, auch eindrucksvoll und angemessen zugleich darstellen kann. Wie die neu eingerichtete „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ in der Bendlerstraße (die heute unsinnigerweise „Stauffenbergstraße“ heißt), so verläßt sich auch die eben eröffnete Ausstellung „Topographie des Terrors“ an der ehemaligen Prinz-Albrecht-Straße (auf jenem Gelände, auf dem sich in den Nazi-Jahren die Terrorzentrale des „Reichssicherheitshauptamtes“ und das Hausgefängnis der Berliner Gestapo befanden) ganz auf die Dokumente – Photos, Akten- und Brieffaksimiles. Schutzhaftbefehle, Sistiertenlisten, Himmler und Heydrich bei einer Besprechung – die Herrenmenschen unter sich, Manager bei der Arbeit. Berichte von Folterungen: Man sieht das Innere der Zellen, das Innere der Dienstzimmer. Man liest, in einem Ordner ausgelegt, den Briefwechsel zwischen dem „Chef der Sicherheitspolizei und des SD“ und der Firma Gaubschat, Fahrzeugwerke GmbH, Berlin Neukölln, Willi-Walter-Straße 32-38, betreffs Lieferung von zehn „Sonder-Fahrzeugen“ – Gaswagen, in denen die Menschen erstickt wurden. Die „Sonder-Fahrzeuge“ der Firma Gaubschat hatten sich bewährt, wie SS-Obersturmbannführer Rauff feststellte: „Seit Dezember 1941 wurden ... mit 3 eingesetzten Wagen 97 000 verarbeitet.“

Portraits einzelner Opfer, wie das der Mildred Harnack-Fish, die, schwer gefoltert, noch bis zu ihrem Abtransport nach Plötzensee, wo sie im Februar 1943 mit dem Fallbeil hingerichtet wurde, in ihrer Zelle in der Prinz-Albrecht-Straße deutsche Gedichte ins Englische übertrug: „Edel sei der Mensch ... Noble be man/Helpful and good/For that alone/Distinguishes/Him from all beings/On earth known...“