Von Lothar Baier

Die Situation hätte Sartre gefallen. Der Hausmeister des Frankfurter Volksbildungsheims, beseelt von dem Geist der Seriosität, der Sartre ein Greuel war, hält den Ansturm auf die Plätze im großen Saal, in dem über das Thema "Zur Freiheit verurteilt" diskutiert werden soll, für den Beginn einer Meuterei und ruft die Polizei. Die Polizei rückt mit mehreren Mannschaftswagen an und findet statt einer randalierenden Menge ein eher gesittetes Publikum vor, das nichts anderes wünscht, als sitzend oder stehend den Reden zur Eröffnung des Kongresses über Jean-Paul Sartre zuzuhören. Die Polizei zieht erst ab, als sie sich von den friedlichen Absichten der das Volksbildungsheim Belagernden überzeugt hat, und die geladenen Gäste beginnen erst zu reden, als sie sich vom friedlichen Abzug der Polizei überzeugt haben. Man ist schließlich in Frankfurt, der Kapitale des "herrschaftsfreien Diskurses".

Ein langes Sommerwochenende lang ist in Frankfurt von Sartre die Rede, dem Existentialisten Sartre, dem Phänomenologen Sartre, dem Geschichtsphilosophen Sartre und immer wieder die Frage, was denn Sartre im Jahre 1987 diesen unerwartet großen Zulauf verschafft. Der erste internationale Sartre-Kongreß auf bundesdeutschem Boden sieben Jahre nach dem Tod des Schriftstellers und Philosophen, ist als Ereignis schon begriffen worden, kaum daß die einzelnen Sektionen in den Räumen der Frankfurter Universität die Arbeit aufgenommen haben. Nur über das, was sich dabei ereignet hat, streiten sich die Geister. Eine Wende in der Wende? Das Ende einer Epoche, die im Zeichen des Post-Strukturalismus und der Postmoderne steht? Wiederentdeckung eines intellektuellen Frankreich, das hinter den Pirouetten der neuen Pariser Fernseh-Philosophie verschwunden war?

Sartre in Frankfurt, das ist, ungeachtet der internationalen Zusammensetzung der Rednerliste, zuallererst ein Frankfurter Ereignis. Solange die "Frankfurter Schule" als Schule mit Lehrern und Schülern zusammenhielt, hielt sie gegen Sartre zusammen. Dem Verfasser von "Das Sein und das Nichts" und der "Schmutzigen Hände" war der Zutritt zum Seminar verwehrt: Ein paar Adorno-Zitate genügten, um Sartre als Ideologen von "Bindungen", wie man damals "Engagement" denunziatorisch übersetzte, und als Heideggerianer abzutun. In seinem Eröffnungsreferat hat der Hamburger Philosoph Herbert Schnädelbach den Frankfurtern jetzt die Sünden der Vergangenheit vor Augen geführt und ihnen doch den Trost gelassen, daß noch Zeit für eine Umkehr sei. In ihrer Auseinandersetzung mit den Systemtheorien, lautet sein Vorschlag, könnten sich die Frankfurter Kommunikationstheoretiker Rückenstärkung bei Sartres "Kritik der dialektischen Vernunft" holen.

Wenn am Abend des ersten Kongreßtages der Philosoph Hans-Georg Gadamer die Ovationen des überfüllten großen Hörsaals entgegennimmt, gewinnt das Ereignis – in Frankfurter Bedeutung – schärfere Konturen: In Gestalt des Heidegger-Schülers Gadamer hat das philosophische Heidelberg und Freiburg Einzug in Frankfurt gehalten, und keine "Schule" hat den Zutritt verwehrt. Sartre ist nur noch ein Schatten, der durch die Anekdoten des greisen Philosophen geistert. Es ist in der Begeisterung des jungen Publikums ganz offensichtlich etwas von dem im Spiel, was man als Fest der Versöhnung zwischen Enkeln und Großvätern bezeichnen kann. Es fragt sich überhaupt, ob der erstaunliche Zulauf zu diesem Sartre-Kongreß nicht auch Ausdruck des kollektiven Bedürfnisses ist, aus gegebenem Anlaß zusammenzukommen und zusammenzubleiben und in der Begeisterung über den Anlaß das Ereignis des Zusammenkommens zu feiern.

Der Kongreß hat aber nicht nur gefeiert, sondern auch gearbeitet, in verschiedenen Sektionen, mit wechselnder Intensität. Sartre und Foucault, Sartre und die unvollendete Moral, Sartres Begriff der "mauvaise foi", das Hegelianische und das Husserlianische bei Sartre. Es fällt auf, daß die stumme Geduld der Zuhörer bei weitem gegenüber der Streitlust überwiegt, die sich in früheren Jahren lautstark Gehör verschaffte. Viele der Referenten machen es sich nicht leicht mit der Anstrengung, Sartres eigenwilliges Denken den Zuhörern nahezubringen und dabei die Distanz zu den Zeiterfahrungen nicht zu vergessen, die ihm zugrundeliegen.

Der Kongreß tut sich insgesamt jedoch schwer, den Denker Sartre so zu porträtieren, daß auch der Schriftsteller und eingreifende Intellektuelle Sartre sichtbar bleibt. Die kongreßübliche Aufteilung in Sektionen kann der Figur des universalistischen Intellektuellen schlecht gerecht werden, die Sartre auf einzigartige Weise verkörpert hat.