Non scholae sed vitae discimus. Früher war das im guten Sinn so – bevor Punktsystem, Leistungskurse und Numerus-clausus-Ängste die jungen Leute in Verzweiflung und Tablettenkonsum getrieben haben. Wir, die wir vor den großen Bildungsreformen noch für das Leben, nicht für die Schule lernten, kamen mit einer Zwei-Liter-Flasche Lambrusco für 1,98 aus, wenn wir uns, fünf Mann hoch, in den Freistunden im sommerlichen Stadtpark von lateinischen Formen und chemischen Formeln erholen mußten.

Die nachgewachsenen Schülergenerationen müssen da schon zu härteren Dosen greifen. Fast jeder zweite Schüler im Alter von 13 bis 16 Jahren wirft sich Kopfschmerztabletten rein, um mit dem schulischen Streß fertig zu werden, jeder vierte nimmt Pillen und Tropfen gegen Allergien, jeder zehnte braucht Beruhigungs- und Schlafmittel. Das, so müssen wir Alten in diesen Tagen in der Zeitung lesen, haben Forscher der Universität Bielefeld herausgefunden, als sie 1700 Schüler in Nordrhein-Westfalen befragten. Und jeder zweite trinkt Schnaps, Likör oder Weinbrand.

Der Bischof von Münster findet sich mit diesen sittenlosen Zeiten gottlob nicht ab und hat den Schäflein auf den Schulbänken der zehnten Klassen einen liebevoll-seelsorgerischen Brief geschrieben – gerade rechtzeitig, bevor mit den Versetzungszeugnissen in viele Familien wieder Kummer und Harm Einzug halten. Auch wenn sie Probleme in der Schule und Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz haben, sollen die jungen Leute nicht aufgeben, schreibt ihnen Bischof Reinhard Lettmann. „Denn es gibt Wertvolles und Lebensnotwendiges, was in keiner Zeugnisnote und Leistungsbilanz wiederzufinden ist, z. B.: Hilfsbereitschaft, Kameradschaft, Ehrlichkeit, Treue, Ausdauer in schweren Zeiten, Freude am Leben.“

Dem kann man nur zustimmen. Wenn die Schule für ein gutes Leben lehren will, dann müssen die Zeugnisse neue Rubriken erhalten, muß man sich durch soziales Verhalten zusätzliche Notenpunkte erwerben können. Auch wir hätten das damals schon gern gehabt.

Die segensreiche Rolle des Klassenclowns etwa, an dessen Witz wir alle unser heiteres Gemüt zur geistvollen Schlagfertigkeit schliffen, hätte ihren Niederschlag im Zeugnis finden müssen. Ebenso das klassische Mauerblümchen, das uns schon von frühester Jugend für die Mitmenschen im Schattenreich der Gesellschaft sensibilisierte. Nur der Streber hätte im Fach „Klassengemeinschaftliches Verhalten“ ein glattes Ungenügend verdient.

Und wann wären Manni G. und Peter S. jemals dafür belobigt worden, daß sie, und nur sie allein, ihrem Mitschüler und Klassensprecher Klaus P. zum Abitur verhalfen. Der stand ja nicht nur in Mathematik auf einer hoffnunglosen Sechs, in Biologie und Chemie auf jeweils einer glatten Fünf und hätte das Abitur nie bekommen, wenn er die alles bestimmende, weil zwischen einer klaren Fünf und einer schwachen Vier entscheidende Französischarbeit auch noch verhauen hätte. 45 Minuten vor der Abgabezeit saß der Klassensprecher immer noch vor leeren Blättern, als Manni G., das Französisch-Genie, in Windeseile eine ausreichende Zweitfassung der Nacherzählung runterschrieb und die Zettel lässig vor Klaus P. auf den Tisch fallen ließ, während Peter S. den aufsichtführenden Lateinlehrer durch ein intensives Gespräch ablenkte.

So kam man früher durchs Abitur, so lernte man Hilfsbereitschaft, Kameradschaft, Solidarität. Und aus allen ist etwas geworden: der eine verkauft antiquarische Bücher, der andere unterrichtet alkoholgewöhnte, tablettenabhängige Schüler, und der dritte schreibt Artikel.

Und heute? Heute erwerben die Schüler, wenn man die alten Lehrer erzählen hört, im Konkurrenzkampf um die Notenpunkte schon früh die Fähigkeiten und die Krankneitssymptome des Managers: das unsolidarische Durchsetzungsvermögen für die Ellenbogengesellschaft. Wir Alten können da nur sagen: Non vitae sed scholae discamus. Klaus Pokatzky