Ob es um Friedenspolitik geht oder um die Werftenkrise, um Kohle oder Atomenergie – immer wieder setzen sich die deutschen Gewerkschaften dem peinlichen Vorwurf aus, ihre Politik an den Interessen kleiner, aber mächtiger Arbeitnehmergruppen auszurichten.

Das jüngste Beispiel: Der Beschluß der siebzehn Einzelorganisationen im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Ende Mai 1986, „so rasch wie möglich auf den Einsatz von Kernenergie zu verzichten“. Diese Gemeinsamkeit währte nicht lange. Schon wenige Wochen später protestierten die Arbeitnehmervertreter der Energiewirtschaft zornig gegen die Entscheidung ihrer Kollegen. Sie fürchten um die Sicherheit der Arbeitsplätze.

Nur mühsam konnte der offene Konflikt vermieden werden, beigelegt ist er noch längst nicht. Das zeigt der neuerliche Streit um dieses Thema, der jetzt in der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) ausgebrochen ist. In einem Papier für den Hauptvorstand kommt eine Expertenkommission zwar zu dem Ergebnis, daß „der Verzicht auf Kernenergie grundsätzlich möglich“ ist, formuliert aber zugleich zahlreiche, kaum realisierbare Bedingungen für den Ausstieg. Natürlich hat die Organisationsspitze das letzte Wort. Ende September will sie ihre Entscheidung treffen. Auch in der IG Chemie formieren sich die Gegner des Ausstiegsbeschlusses neu.

Für die Gewerkschaften geht es um ihr Selbstverständnis. Wollen sie eine ernst zu nehmende Rolle im politischen Kräftefeld spielen, oder degenerieren sie zur Lobby egoistischer Gruppeninteressen? Die Antwort sollte den Arbeitnehmerorganisationen nicht schwerfallen. ms