Arvo Pärt: „Arbos“

Merkwürdig, wie einen die unter dem Einleitungstitel edierte Platte des 1935 im estnischen Paide geborenen und seit 1982 in West-Berlin lebenden sowjetischen Komponisten in Bann schlägt: ein Bündel von sechs, teils noch in der Heimat begonnenen Stücken neben dem eine volle Seite füllenden „Stabat Mater“. Gängige Auskünfte über die Manufaktur, wie sie sonst schnell bei der Hand sind, gestattet diese Musik nicht. So sehr sie auch mancherlei Assoziationen weckt an Gregorianisches, Spätmittelalterliches oder Neuzeitliches, so widersetzt sie sich letztlich jedoch jeglicher Rubrizierung. Ihre materielle Kargheit – überwiegend stereotype Wiederholungen dicht gedrängter, auf Extremlagen ausgedehnter Intervalle – als anämische Ausgeburt eines weltfremden Einzelgängers abzutun, wäre fahrlässig und träfe am Kern der Sache vorbei. Musik entsteht bei Arvo Hut eben nicht aus der „Avanciertheit des Materials“ (Adorno), pardon, sondern aus dem geradezu spartanischen Verzicht auf ihren mit so viel Unrat befrachteten Überfluß. Sie begreift sich – und damit rückt sie über rein musikalische Parameter und Kriterien hinaus – als Ausdruck religiöser Selbsterfahrung. Sie ist rundum Bekenntnismusik, die, ins Mystische erhoben, vom Leid des Menschen am Menschen kündet. Daraus bezieht sie ihre hochgradige Expressivität und Nachdenklichkeit. Adäquates Profil geben ihr die Bläser des Staatsorchesters Stuttgart, das Hilliard-Ensemble sowie eine von Gidon Kremer angeführte Instrumentalgruppe. (ECM 831 959-2) Peter Fuhrmann