Dreimal am Tage "Kaffee und Kuchen satt" (womit ein Hamburger Aussichtslokal die Tortengier zum Pauschalpreis zu befriedigen liebt) – und schon gibt man gern das Dreifache bloß für ein Stück trockenen Schwarzbrots, einen Teller Linsensuppe oder andere Delikatessen der Bescheidenheit aus.

Umgeben von lauter schick gestylten, immer postmodischer gezwirbelten Gebrauchsgegenständen (womit rezessionserfahrene Warenhersteller ihren Kunden Appetit auf immer noch Neueres, Geschmückteres, Kauflustreizenderes zu machen hoffen) – und schon gehen den Leuten beim Betrachten guter alter "funktionalistischer" Sachen wieder die Augen über: bei diesem kantigen "Schneewittchensarg" (Radio von Braun), diesem unerhört praktischen TC 100 (Hotelstapelgeschirr von Thomas), diesem eleganten einfachen Schichtholzstuhl (von Wilkhahn), und alles steht längst im Museum of Modern Art! Ulm, wo bist du?

Zur Zeit findet man Ulm im Bauhaus-Archiv in Berlin. Es zeigt bis zum 13. September eine – nein, bemerkenswerterweise nicht eine vom größten Nutznießer, der Radio- und Rasierapparatefirma Braun, sondern eine von der kulturbeflissenen italienischen Firma Olivetti zustandegebrachte Ausstellung über die legendäre HfG, die Hochschule für Gestaltung (1953-1968). Man bemerkt dort bald ein Staunen, hört bewundernde, beinahe neidisch klingende Worte über die "Moral der Gegenstände", um die man sich damals in Ulm bemüht, gestritten und zerstritten, sich in Theorien verstiegen hat; über die man unaufhörlich und verwirrend diskutiert und die man schließlich nicht für eine bloß vermutete, sondern die "wirkliche Wirklichkeit" der Industrie und des Marktes entworfen hat: Gebrauchsgegenstände, lauter nützliche schöne Dinge des täglichen Lebens. In Wahrheit, natürlich, hatte man das ganze Leben als Gestaltungsgegenstand vor Augen.

Tatsächlich interessierten sich die oft als Sonderlinge verspotteten Ulmer Dozenten und Studenten in ihrer bauhausnüchternen Schule auf dem Kuhberg nicht nur für das, was sie gestalteten, sondern auch für die theoretische Rechtfertigung, vor allem für die Folgen. "Wir waren", sagt der früh ausgeschiedene Max Bill, "grüner, als es die Grünen je sein werden". Dabei trauten sie immer weniger der Intuition, immer mehr dem Verstand und riefen mit Leidenschaft die Vernunft an. Sie machten den Designer zum anerkannten Beruf.

Freilich predigten sie nicht nur das rohstoffsparende, haltbare, modischem Verschleiß widerstehende, scharf durchdachte, das vernünftige Design. Nebenbei stritten sie sich unermüdlich über sich selbst, pflegten die Kleinschreibung und Schoren sich die Haare kurz; sie demonstrierten als erste gegen den Vietnamkrieg, trugen als erste verdächtige Bärte, ließen als erste den Rektor und den Lehrstuhl von Studenten mitbestimmen und nahmen die Hochschulreform vorweg. Was Wunder, daß der Staat die private, von der Geschwister-Scholl-Stiftung gegründete und getragene, stets nur widerwillig finanzierte Hochschule nie geliebt hat. Im Gegenteil. 1968 hat er sie unter zynischen Ausreden abgewürgt: weil er das "dauernde Experiment" dieser Lehranstalt nicht "in den Griff bekam. Er ahnte nicht, daß die Auslese streng war, daß von den gut vierhundert in Ulm ausgebildeten Gestaltern nur die Hälfte ihr Diplom erreichten – daß aber etwa vierzig von ihnen, ein Fünftel, heute Hochschullehrer sind ...

"Diese Ausstellung", hörte ich sagen, "wird Folgen haben." Wäre es verwunderlich? Das Bauhaus, nur vierzehn Jahre alt geworden, hatte zwanzig Jahre später seinen Nachfolger in der auch nur fünfzehn Jahre existierenden HfG gefunden. Sollte man, wiederum zwanzig Jahre nach ihrem Ende, nicht ein neues Experiment dieser Spezies erwarten können, wiederum ein anderes zwar, aber von gleichem Geist? "Irgendwer", sagte Otl Aicher, der Mitgründer von Ulm, "müßte es anfangen." – "Vielleicht", sagte Hans Roericht, ein Professor von Ulmer Provenienz, "gibt es den ja schon." Manfred Sack