Auf einmal hatten die Typen am Tresen nur ein Thema: die Steuerreform. Ulf erinnerte sich, wie ihm einst, als er davon zum ersten Mal hörte, die Freudentränen kamen wegen des zu erhoffenden Geldgeschenks aus Bonn.

Tom gestand, daß ihm auf einmal diese Regierung, ja selbst ihr Kanzler, sehr sympathisch wurde. Denn so etwas Schönes sei ihm von früheren Regierungen nie versprochen worden, die hätten immer nur Schulden gemacht.

Darauf bekannte Bernd, daß er eine Zeitlang Stoltenberg für einen treusorgenden, sparsamen Hausvater gehalten habe. Hatte der Klare aus dem Norden doch versprochen, die Neuverschuldung unter 20 Milliarden zu halten und die Subventionen abzubauen.

Worauf Jörg hinzufügte, der Minister habe auch versprochen, die Steuerreform ohne neue Schulden über die Bühne zu bringen.

Tim, unser „Linker vom Dienst“, warf süffisant lächelnd ein, ihm käme es so vor, als sei irgendwann mit Stoltenberg die große Wende passiert; nun habe er die Spendierhosen an, die Neuverschuldung sei bei 29 Milliarden angelangt und nähere sich geradezu rasant der Rekordmarke ihrer berüchtigten Vorgängerin.

Daraufhin wurde Tim von den anderen wütend angemotzt. Wenn sie nicht mehr an Stoltenberg und seinen Stabilitätskurs glauben könnten, woran denn sonst noch? Nun warf sich Uwe, der Steuerexperte, für Stoltenberg in die Bresche. An der Konjunkturschwäche sei der Finanzminister nun wirklich nicht schuld; das undankbare Pack wolle halt immer nur sein Geld; da sei er schließlich schwach geworden, ein Opfer seiner Gutmütigkeit. Nun müsse er eben neue Löcher aufreißen, um alte zu stopfen.

Die anderen hatten Uwe andächtig zugehört. Dann meinte Tom, er lasse sich sein Steuergeschenk nicht madig machen; von den ihm für 1990 versprochenen 477 DM Steuererlaß könne er sich mindestens ein Fahrrad mit Dreigangschaltung leisten. Daraufhin entwickelten auch die anderen eine zügellose Phantasie: Bernd verstieg sich sogar bis zu einer vergoldeten Badewanne in Herzform.

Uwe warnte freilich wieder vor allzu großen Illusionen. Das Stoltenberg-Geschenk würde vielleicht zu einem Danaer-Pferd. Darauf stierten alle trübsinnig in ihre Gläser. Unversehens wollte ein Gast am Tresen wissen, was für ihn als Arbeitslosen bei der Steuerreform herausspringe. – Ihr Arbeitslosen, bekam er zur Antwort, seid die eigentlichen Gewinner der Steuerreform, da bei euch nichts zu holen ist, und kommt als einzige ungerupft davon, allerdings nur, wenn’s einer schafft, sich wegen der erhöhten Mehrwertsteuer das Saufen und Rauchen abzugewöhnen ...