Von Thomas Schmid

Daran dürfte nicht mehr zu rütteln sein: Der Fortschritt ist ins Gerede gekommen. Und Gerede, das ist immer erst einmal gut; es kommt von „reden“ und könnte ja bedeuten, daß eine Sache Öffentlichkeit findet, in den Wettstreit der Argumente gerät und am Ende gar, nun, sagen wir: zur Abstimmung steht. Der Fortschritt hätte das sicher verdient. Doch leider, es fehlt dieser Diskussion die Vielfalt. Einigermaßen unversöhnlich stehen sich Gegner und Befürworter gegenüber, Fundamentalisten beide. Über das Pro und Contra kommt man kaum hinaus, Mischformen sind nicht gefragt. Und in der Geschichte des politischen Denkens sucht man nichts anderes als Hilfstruppen.

Das ist ein Fehler. Denn diese Geschichte hat einiges zu bieten, das vielleicht gerade deswegen aktuell sein könnte, weil es sich den heute üblichen Fronten nicht zuordnen läßt. Zu denen, die jenseits dieser Fronten dachten und gegen ihre gerade einsetzende Verhärtung angingen, gehörte im 18. Jahrhundert ein Mann namens Adam Ferguson, ein Philosoph, dessen Werk sich durch größere Weitsicht als das seines Zeitgenossen (und zeitweiligen Freundes) Adam Smith auszeichnet.

Ferguson wurde 1723 in Logierait (Perthshire) am Rande des schottischen Hochlands geboren und starb 1816 im schottischen St. Andrews. Sein Hauptwerk ist der „Essay on the History of Civil Society“, der erstmals 1767 erschien (und seit kurzem unter dem Titel „Versuch über die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft“ auch in einer neuen deutschen Übersetzung von Hans Medick im Suhrkamp Verlag, Frankfurt, vorliegt). Noch bevor das Projekt des Forschritts in seine weltumwälzende Phase der Beschleunigung geraten war, noch bevor sich die beiden feindlichen Lager des Fortschritts und des Konservatismus zu einer unseligen Einheit verfestigt hatten, sann Ferguson in diesem Versuch darüber nach, wie es möglich sein könnte, dem Fortschritt seine niedermachende Wucht, seinen alternativlosen Automatismus zu nehmen, ihn gewissermaßen zu zivilisieren, in der Gesellschaft zu belassen. Sein früher Blick kann auch heute noch lehrreich sein, wenn wir daran interessiert sind, vertane Chancen noch einmal zu durchdenken und ältere Weggabelungen in Augenschein zu nehmen. Vieles spricht dafür, daß es nützlich wäre, wenn wir uns vom Diktat des Pro und Contra wie auch vom Diktat der historischen Zeit verabschiedeten. Ferguson könnte da hilfreich sein. Denn eine seiner deutlichsten Botschaften lautet: tertium datur.

Ferguson empfand es nie als Makel, daß er an der Peripherie des Neuen, daß er in Schottland lebte: „Wenn ich nicht in den Highlands gewesen wäre, dann könnte ich mit denen einer Meinung sein, welche die Einwohner von Paris und Versailles für die einzig gebildeten Menschen der Welt ansehen.“ Anders als das benachbarte England, damals das ökonomisch fortschrittlichste Land der Welt, blieb Schottland Provinzgesellschaft. Ferguson hatte die Zukunft des Kapitalismus gewissermaßen vor Augen – blieb aber auf Distanz und eingebunden in die Traditionen der Region.

Als Sohn eines presbyterianischen Geistlichen geboren, studierte er Philosophie und Theologie und wurde dann Feldkaplan des Hochlandregiments der Black Watch; er sprach und predigte gälisch. 1757 gab er den Kirchendienst auf und wurde, als Nachfolger David Humes, Bibliothekar der Advocates Library in Edinburgh und Sekretär der juristischen Fakultät. Er schloß sich – mit der reinen Buchgelehrsamkeit unzufrieden – aufgeklärten intellektuellen Zirkeln an und erwarb sich, nicht zuletzt durch die Veröffentlichung von Pamphleten zu tagespolitischen Fragen, beträchtliches öffentliches Ansehen.

Von 1759 an war er Professor in Edinburgh, zuerst für Naturphilosophie, dann für Pneumatik und Moralphilosophie, seine Vorlesungen zogen ein großes, nicht nur studentisches Publikum an. Bis 1785 blieb er Hochschullehrer, freilich mit Unterbrechungen; zu Beginn des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges reiste er als politischer Sekretär einer – erfolglosen – Friedensmission nach Nordamerika. Nach seinem Rückzug aus der Akademie lebte er – Schriftsteller, Vegetarier, Landwirt und Reisender – bis zu seinem Tod in einem produktiven Ruhestand.