Von Marion Gräfin Dönhoff

Nun wird also auch der 20. Juli 1944 einem gewissen Revisionismus unterworfen. Vor einem Jahr berichteten wir über eine Konferenz in Leeds (Schottland), bei der Historiker, Politiker, Journalisten und Zeitzeugen aus verschiedenen Ländern über dieses Thema diskutierten. Einige jüngere Historiker, so schrieb unser Berichterstatter damals, hätten festgestellt, daß der Widerstand sich weniger um Demokratie als um nationale Aspekte gesorgt habe. Die Wortführer hätten sich in Leeds gegen die idealisierende Darstellung gewandt, wie sie in den ersten Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in unserer Geschichtsschreibung üblich war.

Inzwischen hat nun der Historikerstreit diese Entwicklung verstärkt. Aber während jener Streit zwischen denen entbrannte, die die bisher übliche Auffassung von der Singularität der Hitlerschen Verbrechen weiter vertreten und denen, die zu begründen versuchen, daß jene Verbrechen nur eine Antwort auf die bolschewistische Ausrottung bestimmten sozialer Gruppen und auf Stalins Archipel Gulag war, scheint hinsichtlich des 20. Juli die Front umgekehrt zu verlaufen.

Es sind interessanterweise gerade die Antirevisionisten, die diesmal revidieren wollen. Darum fragt man sich unwillkürlich, ob der Wunsch, die Geschichte einmal anders zu interpretieren, vielleicht nur dem Bedürfnis nach Abwechslung entspricht. So wie ein Regisseur eines Tages Cäsar im Frack auftreten läßt, weil es ihn langweilt, Shakespeare immer in der gleichen Weise aufzuführen.

Dieser ketzerische Gedanke verflog aber sogleich wieder, als ich jetzt einen Vortrag von Klemens Klemperer las, einem emeritierten Historiker vom Smith College in Amerika, der ein ausgezeichneter, sehr subtiler Kenner des deutschen Widerstandes ist, denn ich stellte fest, daß auch er auf dieser Linie argumentiert.

Klemperer meint, die „Historisierung“ des Nationalsozialismus durch die Revisionisten habe zu einer Relativierung und Trivialisierung geführt, die mehr Einsicht in die „Banalität des Bösen“ gebracht hat, und eben dies sei wichtig. In jenem Vortrag, den er Reflections and Reconsiderations on the German Resistance nennt, wendet er sich gegen den Mythos des Widerstandes, also gegen dessen Verklärung, und gegen die, wie er sagt, Monumentalisierung des sogenannten „anderen Deutschland“. Die Geschichte des Widerstandes müsse, so sagt er, wieder zurück auf die Erde geholt werden – die Opposition gegen Hitler sollte profanisiert, historisiert werden.

Klemperer meint, die inzwischen übliche Gegenüberstellung der Stereotypen: Nationalismus und Résistance – hie Unterdrücker, dort Opposition – sei eine nachträgliche Interpretation; damals – und da hat er recht – sei das Knäuel von Kollaboration, Widerstand, Mitläufertum ganz unentwirrbar gewesen; erst im nachhinein hätten die Historiker Theorien festgelegt, Handlungen gedeutet und Zuordnungen vorgenommen. Beispiel: Die Niederlandse Unie in Holland hat damals aufgerufen: „Alle Patrioten mögen sich in loyaler Haltung zur Besatzung zusammenfinden“ – das Motiv war, eine faschistische Marionettenregierung unter Anton Müssen zu verhindern.