Von Thomas Hanke

Willy Brandt wohnt seit Jahren in Grimbergen bei Brüssel. Zu seinem 80. Geburtstag, am 22. April dieses Jahres, erhielt er einen Brief von Willy Brandt. Vor einigen Wochen erlebte der eine auf dem Parteitag in Bonn den Abschied des anderen als SPD-Vorsitzender. Die beiden sind nicht einfach nur Namensvettern. Obwohl sie sich erst seit Ende der fünfziger Jahre kennen, verband sie schon vorher persönlich mehr als die SPD-Mitgliedschaft und der Widerstand gegen den deutschen Faschismus. Willy Brandt, Ehrenvorsitzender der SPD, sagte auf einem Geburtstagsempfang einmal über Willy Brandt, der bis April 1945 Häftling im Konzentrationslager Dachau war: "Ich will diesem Mann öffentlich danken; er hat sein ganzes Leben für unsere Sache gekämpft und viele Schläge für mich einstecken müssen."

Der im hessischen Neu-Isenburg geborene Arbeiterjunge Willy Brandt hat 1934 auf einem Kongreß in Brüssel, wo er seit 1932 lebte, der norwegischen Sozialdemokratin Leones seine Papiere gegeben – zur Weiterverwendung durch politische Flüchtlinge in Skandinavien. Daß der spätere SPD-Vorsitzende seine Identität übernahm, erfuhr er erst lange nach Kriegsende. Deshalb verstand er nicht, warum die Gestapo ihn nach der Verhaftung 1940 aufforderte: "Jetzt erzähl’ uns mal was über dein Gastspiel in Norwegen." Selbst wenn er wollte, hätte er es nicht gekonnt, da nicht er, sondern der andere Willy Brandt in Norwegen war. Seine eigene Geschichte ist allerdings nicht weniger bewegt.

Bestimmte Episoden bringen ihn auch heute noch in Fahrt; dann hebt er die mit hessischem Tonfall gefärbte Stimme bis zu einer Lautstärke, die beeindruckend ist für einen 80jährigen, der gerade erst fünf Monate im Krankenhaus gelegen hat. "1932 hat’s ’ne Straßenschlacht gegeben in Neu-Isenburg, wo ich Vorsitzender der Sozialistischen Arbeiterjugend war. Wir haben die Nazis rausgehauen und über die Grenze nach Preußen gejagt." Sein Antifaschismus wurde ihm nicht gedankt, für sechs Monate sollte er ins Gefängnis. Den Richter, der ihn verurteilt hatte, traf Willy Brandt neun Jahre später im KZ Dachau wieder. Doch Brandt ging 1932 nicht in den Knast.

Noch am Abend setzt er über den Rhein und geht am nächsten Tag bei Eupen über die belgische Grenze. Den Unterricht an der Frankfurter Akademie der Arbeit muß er abbrechen. Die Hoffnung des Arbeiterjungen, der schon mit 13 Jahren in einer Ziegelei schuften mußte, doch noch eine vernünftige Ausbildung zu erhalten, ist damit jäh zu Ende. Im Volkshaus von Lüttich trifft er einen jungen belgischen Genossen wieder, den er auf einem Jugendkongreß kennenlernte. Auf einem Fest wird Geld für ihn gesammelt; mit einer Reihe von Adressen versehen kommt er in Brüssel an. Schnell lernt er Persönlichkeiten der belgischen Sozialistischen Partei kennen, wie Louis de Brouckère, Emile Vandervelde und Camille Huysmans. "Ich war so ein kleines Phänomen für die alle: ‚Warum bist du denn schon ab? Das gibt’s doch nicht, daß man dich von der Republik noch einsperrt, weil du für sie gekämpft hast!"

Camille Huysmans, Bürgermeister von Antwerpen und Vorsitzender der Parlamentsfraktion, läuft mit ihm über den Trödelmarkt, um einen alten Photoapparat zu kaufen. Die Beziehungen zwischen Basis und Parteispitze waren damals offenbar unkomplizierter. Brandt kann als Photoreporter bei den sozialistischen Tageszeitungen Le peuple und Vooruit anfangen.

Im Juli 1936 fährt er mit einem Redakteur des Peuple nach Spanien, um über die Arbeiter-Olympiade zu berichten. Doch der Chefredakteur der Zeitung Claridad hat anderes mit ihnen vor: "Olympiade? In Spanien hat die soziale Revolution begonnen. Nehmt euch ein Gewehr und kämpft." Brandt zögert nicht lange. Dreieinhalb Jahre kämpft er auf seiten der Republik, erhält 1938 die spanische Staatsbürgerschaft und wird Mitglied einer Polizeitruppe. Mehrere Male kommt er nach Belgien, offiziell, um Tabak einzukaufen. Bei diesem Tabak handelt es sich in Wirklichkeit um Waffen. Die Camouflage ist notwendig, weil auch die belgische Regierung sich neutral erklärt hat und die spanische Republik nicht unterstützt. Unter der Hand helfen die Sozialisten allerdings in gewissem Umfang bei der Beschaffung von militärischer Ausrüstung. Paul-Henri Spaak, der spätere Nato-Generalsekretär, ist Außenminister und erleichtert Brandt seine "Tabakgeschäfte". Doch der Sicherheitsdienst hat von seiner Beteiligung an Waffenlieferungen Wind bekommen. Er wird in Antwerpen verhaftet und kommt erst nach einer Intervention des spanischen Botschafters und Spaaks frei.