IEärft sie, obwohl es bitterkalt ist, die Decke on ihrem Bett und legt sich unter ein dünnes Laken. Sie schreibt Briefe an Jesus, mit Blut. Sie betet für einen Mörder, der unter der Guillotine sterben wird: den abgeschnittenen Kragen des Geköpften möchte sie als Reliquie aufbewahren. Mit fünf zehnJahren will sie ins Kloster eintreten, drei Jahre früher als die Kirche erlaubt. Die Männer, die darüber zu entscheiden haben, ein Abt, ein Bischof, weisen sie ab. Da geht sie zum Papst, wirft sich ihm zu Füßen und zerrt an seinem Rock. Therese ist nichts heilig, wenn es zum ihr Heil geht.

Mit fünfzehn wird Therese Karmeliterin. Neun Jahre später stirbt sie im Kloster an Tuberkulose. Im Kino dauern die neun Jahre eineinhalb Stunden. Alain Cavaliers Film "Therese" erzählt die kurze Geschichte vom langen Schmerz: Ein Mädchen verliebt sich in Jesus und geht daran zugrunde, verwelkt unter der schweren Nonnentracht. Kein Arzt und kein Gebet können sie retten. Das Leid dieses Lebens, zum Film verdichtet, müßte dem Zuschauer alles abverlangen: Trauer und Zorn, Sympathie, Distanz - und jenes ohnmächtige Gefühl von Fremdheit, das einen manchmal überfällt, wenn jemand ganz dicht vor der Kamera stirbt.

Aber auf dem Gesicht der jungen Schauspielerin Catherine Mouchet löst sich all der Schmerz in Luft und Liebe auf. Wenn Therese einen Tuberkuloseanfall bekommt, rinnt ein dünner Blutfaden aus ihrem Mund wie eine rote Träne; dann lächelt sie wieder wie zuvor. Auf die Frage nach dem Tod antwortet dieses Gesicht: Rühr mich nicht an. Noch in den Krämpfen der letzen Stunden bleibt Therese das Mädchen, das sie einst war, unbefleckt von Schleim und Blut. Das macht sie Jesus ähnlich, dem Jesus, der im Buche steht. Dem wuschen die Frauen die Wunden aus. Therese wird von der Kamera reingewaschen.

1897 stirbt Therese im Karmeliterkloster zu Lisieux. Nach ihrem Tod erscheinen ihre Aufzeichnungen, das Buch wird ein Welterfolg. 1925 wird "Theresia vom Kinde Jesu und vom heiligsten Antlitz" heiliggesprochen, Ihr Kult, vermerkt der man ihr zuschreibe, sehr verbreitet. Einer ihrer Biographen nennt sie "die Heilige des Atomzeitälters", ein Ausspruch, der so trostlos ist wie ein Gottesdienst in Hiroshima.

Neunzig Jahre nach ihrem Siechtum wird Therese noch einmal geheiligt: im Kino. In Alain Cavaliers Film, der seit vergangener Woche in Deutschland läuft, kommen die Bilder zu Therese wie die Gläubigen zum Kind in die Krippe, staunend und still. Der Film legt sie nebeneinander, trennt sie sorgsam durch Auf- und Abblenden, verdunkelt den Hintergrund und taucht die Nähe in mildes Licht. Als Theiese ins Kloster aufgenommen wird, geht sie durch einen düsteren Gang, der das Reich der Kerzen und der Frauen von der Außenwelt scheidet. So tritt man ins Kino des Alain Cavalier, in eine Innenwelt, in der auch das Sterben zur Feier wird "Therese" nimmt den Zuschauer in Klausur. Der Film spielt in einem einzigen Dekor, vor schwarz und braun getönten Wänden, die den Blick ins Leere laufen lassen, in einem Raum ohne Tiefe und einer Zeit ohne Maß. Etwas stimmt nicht mit Francesca. Minetti und Reinhardt haben sie nie gesehen, Hofmannsthals Feder hat sich nicht für sie gesträubt. Und der Film, den Fellini wirklich gedreht hat, hieß "Giulietta degli spiriti", Julia und die Geister, Italien 1965. Darin spielt Giulietta Masina eine betrogene, verschüchterte Ehefrau, ein Hausmütterchen, das von Erscheinungen heimgesucht wird, Knaben in antikischen Gewändern, Weibern mit prallen Brüsten, Hexen und Haremsdamen, Tagträumen, Phantasien.

Eine der Hexen, einer der Geister könnte Francesca gewesen sein. Oder eine der Primaballerinen, die auf dem Parkett der zwanziger Jahre tanzten. Eine der Diven, die den Puck im "Sommernachtstraum" gaben, oder eine der Chansonetten, die mit dem Zirkus um die Welt zogen. Verena Rudolphs erster Spielfilm "Francesca" erzählt ein Leben im Konjunktiv: zwischen den Bildern. Wir bekommen Francesca nicht zu sehen, aber alle reden von ihr, die Gräfin von Ammersberg, die sie in einem Weidenkorb fand, die Nonnen vom Kloster Maria Ruh, die sie aufzogen, die Köchin Eleonora, die sie nicht leiden konnte, der Kellner Giacomino, der sie liebte, ein Leben lang "Jahrelang hörte ich nichts mehr von ihr, bis eines Tages ein Brief kam. Sie schrieb, sie sei krank und brauche Geld. Ich schickte ihr alles, was ich hatte "

Da weint Giacomino, der auch einmal ein Künstler war, ein großer Schauspieler und kleiner Statist, bevor er sich in sein Schicksal ergab. Auf einmal ist es, als hätten wir Francesca gesehen. Sie ist da, in den Augen des Mannes, der vor ihr spricht. Verena Rudolphs Film, der nächste Woche ins Kino kommt, verlangt alles von seinem Zuschauer: alle Phantasie, die ein Märchen verdient.