Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück? „Lange schlafen zu können.“ Ihre Lieblingsbeschäftigung? „Schlafen.“ Ihr Traum vom Glück? „Der Schlaf.“ Was wäre für Sie das größte Unglück? „Nicht schlafen zu können.“ Wie möchten Sie sterben? „Im Schlaf.“

Der amerikanische Theaterregisseur Robert Wilson im Fragebogen des „FAZ-Magazin“

Rudolf Lenz

Damit sich sein Leben runde, überraschte ihn der Tod im Trachtenanzug; so gehört sich das für einen „Förster vom Silberwald“. Rudolf Lenz hatte vom Schiffsingenieur auf Schauspieler umgesattelt und trat in kleineren Rollen auf, als ihm ein Produzent den edlen Waidmann „Hubert Gerold“ antrug, wahlweise gegen Gage oder Gewinnbeteiligung. Lenz entschied sich vernünftig und tragisch falsch für die Abschlagszahlung. Er lief ein paar mal lodengewandet durch den Tann, holte ein unter die Großstadtmenschen gefallenes Mädchen an den Busen der Natur zurück und war froh, als er schließlich wieder auf der Bühne stand. Wie hätte er auch ahnen sollen, daß sein St. Hubert den im Wiederaufbau schwitzenden Zuschauern der fünfziger Jahre echte Lebenshilfe leistete, als er stellvertretend für sie durch Wälder und Auen streifte und die unschuldige Schöpfung bestaunte, für die die Wirtschaftswunderkinder kein Auge mehr hatten? Rudolf Lenz wurde ungewollt zum einzigen authentischen Grünen. Der schnulzengarnierte Werbefilm für die intakte österreichische Landschaft (die im Vorspann unter den Mitwirkenden aufgeführt ist) beglückte nach Österreich und Deutschland selbst die USA; seit 1954 spielte „Der Förster vom Silberwald“ 300 Millionen Mark ein. Rudolf Lenz hat sich von diesem Erfolg nie wieder erholt; Förster war er, Förster sollt’ er sein Lebtag bleiben. Erst als Rainer Werner Fassbinder das Idol seiner einsamen Kinonachmittage aus der Versenkung holte, etwa für die Rolle des Damenarztes Rummschüttel in „Effi Briest“, wurde Lenz eine Art Rehabilitierung zuteil. Von der Schauspielerei hatte er freilich genug. Er ging aufs Land, lernte Heilpraktiker und lehrte nun die Patienten der Klinik „Nova Vita“ den Wert naturnahen Lebens. Rudolf Lenz starb in der letzten Woche im Alter von 67 Jahren.

Wilhelm M. Busch

Bis zu seinem letzten Lebensjahr hat der Zeichner und Illustrator Wilhelm M. Busch, der aus Breslau stammte und am 8. Juli in Hamburg, 78jährig, starb, deutlich gemacht, daß es beim Illustrieren mit dem bloßen „Einfühlen“ keineswegs getan ist. Er hat rund dreihundert literarische Werke illustriert, Arbeiten von Puschkin, Balzac, Flaubert, Raabe, Tschechow, Hemingway, Henry Miller und anderen. Den Zugang zur Literatur gewann er aus einer vielseitigen Engagiertheit, die ihn, und sei es sogar mal über große Zeitspannen hinweg, zu einer Art Weggenossen mit den Meistern des Wortes machte. Dementsprechend sind seine Zeichnungen keine bloß sklavischen Vollstreckungen der Wünsche der Belletristik oder Nachäffungen biographischer Informationen. Es sind vielmehrfürs Auge bestimmte Paraphrasen. Dafür ist sein, letztes Buch ein glückliches Beispiel: „Das Leben Puschkins in Bildern“ (Johann Asmus Verlag, Hamburg, Einleitung Nino Erné, Normalausgabe 185 Mark). Busch war im Kriege, als Soldat, in Michailowskoje, wo Puschkin 1824 in Verbannung gelebt hatte und wo er begraben ist. Der bildende Künstler hat, was er an Ort und Stelle erfuhr und was er aus vielfacher Lektüre wußte, zu „einem Ganzen“ gefügt, wie er selber sagte. Das ist also kein bloßes „Bildungserlebnis“ geblieben, sondern zugleich von originärer schöpferischer Kraft in Besitz genommen. Zeichnen war für ihn die „die sublimste Form der Anteilnahme“. Busch hat nicht wenige Ehrungen erfahren, er war Jahrzehnte lang Dozent der Hamburger Fachhochschule für Gestaltung. Das Zeichnen, sagte er einmal ganz schlicht, ganz wundervoll, sei am Jüngsten Tag sein „Beweismaterial, daß er aufmerksam gewesen ist“.

Geist und Macht

Es gibt „Historikerstreite“, die wahrlich älter sind als der unsrige. Der spanische Streit um die Bedeutung der Kolonisation von Mittel- und Südamerika zum Beispiel dauert nun schon einige Jahrhunderte, und was es heißt, da hineinzugeraten, mußte das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum gerade bitter erfahren. Zu einer Ausstellung des Madrider Museo de América‚ die unter dem Titel „Gold und Macht“ zur Zeit am Rhein gastiert, hatten die Kölner zusätzlich zum voluminösen Katalog einen Kurzführer verfaßt und ausgelegt. Darin nun stehen Sätze, die dem spanischen Botschafter ganz und gar nicht gefallen wollen, was er in einem geharnischten Brief an den Kölner Oberbürgermeister auch kundtat. „Die Broschüre“, schreibt der Botschafter, vermittele „eine sehr vereinfachte, einseitige und feindliche Sicht der Eroberung und Kolonisation Amerikas durch Spanien“, wenn die Autoren (unter anderem) feststellen, daß die Spanier gierig nach Gold und Macht waren, daß sie die Bauwerke der Indianer zerstörten, Krankheit und Elend hinterließen und die Kulturen dieser Gebiete vernichteten. „Unglücklicherweise“, das immerhin räumt der Botschafter ein, „ist nun einmal die Geschichte der Zivilisierungen eine Geschichte der Kriege und Unterwerfungen, aber auch die Entwicklung der Menschheit hin zu einem Zusammenleben auf höherer Ebene.“ Eine erstaunliche historische Interpretation! Doch erstaunlicher noch, daß es der Botschaft inzwischen gelang, den Kurzführer (der, wie man in Köln versichert, inhaltlich völlig mit dem offiziellen Katalog übereinstimmt) für die nächste Station der Ausstellung, München, aus dem Verkehr zu ziehen. Andernfalls, so hatten die Spanier gedroht, bleibe das Münchner Haus der Kunst leer. Ja, so ist das wohl: Das mit dem Gold und mit der Macht, das funktioniert nach wie vor ganz gut, nur das „Zusammenleben auf höherer Ebene“, das muß wohl auch in Europa – gerade im Streitfall – noch ein bißchen geübt werden.