Von Willi Winkler

Ronald Reagan ist der einzige authentische Politiker der Gegenwart. Anders als die übrigen Machthaber glaubt er an das, was er sagt; sein Denken ist genauso rein und simpel, wie es den Anschein hat. Reagan ist nicht einmal ein schlechter Schauspieler, sondern sogar die Idealbesetzung für die Rolle und somit würdiger Nachfolger George Washingtons, der von sich behauptete, nie gelogen zu haben. Reagan lügt nie, er ist die personifizierte Lüge, er ist fake, das Kunstwerk schlechthin.

Die "Hyperrealität" Amerika, die nach landläufiger und deshalb zutreffender Ansicht durch eine Dreifaltigkeit der Lüge, nämlich den Präsidenten, den Hamburger und das Fernsehen definiert ist, muß ein gefundenes Fressen für den windschlüpfrigsten Philosophen der Gegenwart sein. Denn noch bevor er den Boden der Vereinigten Staaten betreten hatte, wußte Jean Baudrillard schon, wie es dort aussieht und zugeht: Amerika ist nur eine Projektion europäischer Phantasien, ein Konstrukt aus politischen und religiösen Utopien, kurz: eine mustergültige Fiktion, die nur in die Welt kam, um Baudrillards Simulationstheorie zu bebildern.

In freier Variation auf einen zu Tode zitierten Adorno-Sinnspruch versteht Baudrillard unter der Simulation das Wahre, "das alle Energien des Falschen in sich vereint", die Lüge, die sich aus lauter Wahrheiten zusammensetzt.

Der Semiotiker Umberto Eco, der die USA ebenfalls auf der Suche nach Belegen für seine Theorien bereiste (siehe "Über Gott und die Welt", 1985 im Hanser Verlag erschienen), besuchte Disneyland, Hearst Castle und die kalifornischen Wachsmuseen, merkte mit dem hier nützlichen Hochmut des Europäers, daß alles fake sei, zog aber vor einer Verdammung dieser simulierten Kunst den richtigen Umkehrschluß, daß sich in der Trivialität die eigentliche Wahrheit offenbare.

Der Soziologe Baudrillard sieht denselben fake, sieht auch, daß die gesamte Gesellschaft auf fake gegründet ist, er beschränkt sich aber darauf, das alles ganz toll zu finden. Sein kopfnickendes Registrieren reiht die beliebtesten Gemeinplätze über Amerika aneinander, ohne sie in ein anderes System als sein inzwischen wahrhaft banal gewordenes Simulation-Simulakrum-Modell zu bringen. Der Erkenntnisgewinn für den Leser strebt gegen Null.

Nun ist Baudrillard schlau genug, sich gegen diesen Vorwurf in seiner vergnüglichen ironischen Art zu wehren. Er hat ja kein analytisches Buch schreiben wollen, sondern einen Hymnus, ein Prosagedicht. Als wäre er Walt Whitman ("I am the poet of the Body and I am the poet of the Soul"), besingt Baudrillard seine Erlebnisse beim Autofahren und beim Fernsehen, beim Gang in die Wüste und beim Nachtflug über Los Angeles. Mit seiner Wissenschaft, die er als Gastprofessor vertreten soll, will er nichts zu tun haben: "Während die anderen ihre Zeit in den Bibliotheken zubringen, gehe ich in die Wüste und auf die Straße. Während die anderen ihren Stoff aus der Ideengeschichte ziehen, ziehe ich meinen aus der Aktualität, aus der Bewegung auf der Straße und aus den natürlichen Schönheiten. Dieses Land ist naiv, man kann hier nur auch naiv sein."