Von Uwe Prieser

Im vergangenen Frühjahr war es das Schönste für Sandra Schumacher, auf dem Rad zu sitzen und durch die Landschaft zu fahren, den Wind zu spüren, die Felder zu riechen und zu sehen, wie das Grün an den Bäumen wuchs. Sie fühlte, wie ihr Körper arbeitete und in Form kam. Und die Straße flog nur so unter ihrem Rad dahin.

An die Rennen zu denken oder gar daran, daß sie sie gewinnen wollte, war eine Zeitlang nicht so schön. Aber wenn man schon Radrennen fährt, muß man sie auch gewinnen wollen.

Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles gewann Sandra Schumacher überraschend eine Bronzemedaille, da war sie erst siebzehn. Und im Jahr darauf wurde sie bei der Weltmeisterschaft Dritte, stand schon wieder auf dem Siegespodest, obwohl sie acht Wochen vorher den Arm gebrochen hatte.

In diesem Frühjahr war Sandra Schumacher zwanzig Jahre alt, und sie fuhr mindestens noch genauso gerne Rad wie vor acht Jahren, als sie ihr erstes Rennen gefahren war. Aber es nisteten sich auch Zweifel ein in ihrem Kopf: War es sinnvoll, sich aufs Rad zu setzen und wie eine Irre zu fahren, um als erste am Ziel zu sein? Es gefiel ihr, und es war schön zu gewinnen, aber war es sinnvoll, sein Leben darauf auszurichten, andere zu besiegen? Lieber würde sie etwas tun, was anderen Freude macht.

Sandra Schumachers Herz ist etwa doppelt so groß wie ein normales Herz. Einmal hat sie es auf einem Röntgenbild gesehen: "Es war so groß wie zwei Fäuste", sagt sie. Im Ruhestand braucht ihr Herz nur 36mal in der Minute zu schlagen, um ihren Organismus in Schwung zu halten, weil seine Pumpleistung so hoch ist. Unter höchster Belastung hält es zweihundert Schläge pro Minute aus. Auf ihr Herz kann sie sich verlassen. Wer sie und die anderen jetzt bei der Tour de France die steilen Paßstraßen der Alpen und der Pyrenäen hinauffahren sieht, über die Baumgrenze hinaus, wo nur noch Felsen sind und der harte, körnige Schnee vom vergangenen Winter, wer sie in den Pedalen stehen sieht, die Körper vor Anstrengung über dem Lenker gekrümmt, der glaubt nicht, daß das Frauen sind, die dort fahren.

"Was glauben Sie denn, wie Radrennfahrerinnen aussehen müssen", fragt sie. Sie lutscht an ihrem Pfirsichkern und wartet auf eine Antwort. Auf einmal lacht sie los. Also schön, geben wir die Vorurteile ruhig zu.

Es ist Abend. Vom Cannstatter Industrieviertel dringt kein Lärm herüber, und in die entgegengesetzte Richtung geht es zum Kurpark. Dazwischen liegt die Kissinger Straße mit ihren Neubaublocks, Seit Herbst vergangenen Jahres wohnt Sandra Schumacher unter dem Dach in ihren eigenen vier Wänden. Von dort kann sie jederzeit zu ihren Eltern herunter kommen.

Sie geht barfuß durch die Wohnung, Beine und Arme sind gebräunt, weil sie jeden Tag einige Stunden mit dem Rad unterwegs ist. Durch die Weinberge, dann ins Remstal, ins Neckartal hinunter. Wo ihre fliederfarbenen Shorts aufhören, beginnt ein handbreiter heller Streifen, weil die Rennhose mit dem Ledereinsatz, die sie beim Radfahren tragen muß, länger ist als so ein paar Shorts. Quer über dem gleichfalls fliederfarbenen T-Shirt steht "California". Das blonde Haar hat sie im Nacken zusammengebunden,

"In den ersten ein, zwei Jahren habe ich mich nicht getraut, die Haare unter dem Sturzhelm aufzumachen", erzählt sie. Da war sie in den Rennen noch gegen die Jungs gefahren. "Die waren zu Tode betrübt, wenn sie hinter mir waren." Sie möchte sich ausschütten vor Lachen.

Überhaupt war das alles schön. Sie gewann und gewann und gewann. Gleich in ihrem ersten Rennen wurde sie Vierte. Dabei hatte sie noch einen Platten gehabt. Ein Mann vom Radsportklub schenkte ihr fünf Mark. "Hast du gut gemacht, Mädele." Eigentlich hatte sie sich zu ihrem zwölften Geburtstag ein Damensportrad gewünscht, doch ihr Vater schenkte ihr das Rennrad seines Bruders. Zuerst fand Sandra das gar nicht so toll, weil es eine Stange hatte.

Übers Jahr legt sie rund 15 000 Kilometer auf dem Rennrad zurück, etwa zwei Drittel davon im Training. Mitunter fährt ihr Vater mit, aber meistens trainiert sie allein. In der Schule hatte sie zuerst nichts erzählt. Sie ging zur Waldorf-Schule. Dort stand Leistungssport nicht hoch im Kurs. Als sie 15 war, wurde Sandra Schumacher in die Nationalmannschaft aufgenommen, und im gleichen Jahr wurde sie Vierte der Weltmeisterschaft. Ihre Lehrer fanden inzwischen, daß sich der Radsport positiv auf sie auswirkte. Sandra war immer so ein schüchternes Mädchen gewesen.

Sie zieht die Beine an und macht es sich auf dem Sofa etwas bequemer. "Nee, wie Steffi Graf möcht’ ich nicht leben. Furchtbar, wenn einen jeder kennt, und alles wird von einem geschrieben." Durch ihre Olympia-Medaille 1984 war sie bekannt geworden. In den ersten Wochen danach kriegte sie kaum noch den Telephonhörer aus der Hand. Einladungen über Einladungen. Sie sagte oft ab und fürchtete jedesmal, man könnte sie für arrogant halten.

"Gestern und vorgestern hab’ ich einen Platten gehabt, an zwei Tagen hintereinander." 30 bis 40 Reifen gehen jedes Jahr drauf, aber die bezahlt ihr Sponsor Wolfgang Renner, ein ehemaliger Querfeldeinrennfahrer der Weltklasse, der heute ein Radsportgeschäft hat. Von ihm bekommt sie auch jedes Jahr eine neue Rennmaschine. Da kommen ein paar tausend Mark zusammen.

"Mit dreizehn bin ich ein bißchen mehr gefahren als mit zwölf, und im nächsten Jahr wieder ein bißchen mehr, und dann war auf einmal Leistungssport daraus geworden", erzählt sie. Trainingslager, Etappenrennen in Norwegen, Rennen in Übersee. Manchmal wurde es schwierig, Wunsch und Erfolgsdruck voneinander zu unterscheiden. Der Wunsch, eines Tages vielleicht einmal auf die Musikhochschule zu gehen, verschwand aus ihren Gedanken. "Jedes Lied, das sie gerade im Radio gehört hatte, konnte sie sofort auf der Geige nachspielen", sagt ihre Mutter. Sandra spielte im Schulorchester. Aber dann verließ sie in der 11. Klasse die Waldorf-Schule und wechselte auf die 10. Klasse des Gymnasiums. "Ich hatte durch den Radsport so oft gefehlt, daß ich fast keinen Zusammenhang richtig mitbekommen hatte."

Sandra Schumacher reduzierte ihr Training, konzentrierte sich auf die Schule, schaffte die Klasse und wurde 1985 dennoch – und trotz des Armbruchs – Dritte der Weltmeisterschaft.

1986 fährt sie 60 Rennen. Sechs Monate hindurch ist sie irgendwo mit dem Rad unterwegs. Sie hat die Schule wieder verlassen, Kurse an einer Sprachenschule angefangen und wieder aufgegeben. Zwischen den Rennen hat sie das Gefühl, daß es nicht richtig ist, wie sie lebt, daß etwas fehlt in ihrem Leben.

Bei der Deutschen Meisterschaft wird sie in der entscheidenden Phase abgehängt. "Man kann keine Leistung bringen, wenn man keine Vorstellung über seine Zukunft hat." Radrennen sind einfach: eine Distanz, eine Strecke, ein Ziel. Die Radrennen schienen plötzlich nicht mehr zu ihrem Leben zu passen. "Ich wußte überhaupt nicht mehr, was ich machen sollte." Das Erlebnis und die Strapazen ihrer ersten Tour de France erlösten sie dann für kurze Zeit von ihren Fragen. Sandra Schumacher beendete diese ihre erste Tour de France auf einem glänzenden sechsten Rang. Ihr Körper war besser in Form, als ihr Kopf wahrhaben wollte.

"Wenn man am Tag zwei bis vier Stunden trainiert und sonst nichts macht, hat man viel zu viel Zeit, übers Radfahren nachzudenken." Manchmal spielte sie Geige. Wenn ihr Vater sie mit dem Auto zu einem Rennen fuhr, lag sie auf dem Rücksitz und las. Sie gab ein Gastspiel an der Gymnastikschule, nur ein kurzes, weil sich der praktische Unterricht nicht mit dem Radsport vertrug: Schwimmlektionen – das reine Gift für eine Rennfahrermuskulatur. "Ich kann das nicht, einfach so ins Blaue fahren. Ich fahr’ doch nicht ewig Rad", sagt sie. Eine Illustrierte hatte geschrieben, sie wolle bis 25 noch radfahren und dann heiraten. "Also, ich bin bestimmt nicht eine, die sich das Leben so leicht vorstellt." Am ersten Weihnachtstag 1986 wurde sie zwanzig Jahre alt.

Dann kam dieses Frühjahr, und sie war noch immer nicht so gut drauf. Aber Radfahren war schön. Der Wind, die Felder, das Grün an den Bäumen, und sie fühlte, wie ihr Körper in Form kam. "Man fährt los, und im Nu hat man fünfzig, achtzig Kilometer hinter sich. Manchmal fahre ich irgendwie so dahin, schaue in die Landschaft und denke an alles mögliche."

Langsam reifte ein Gedanke in ihr heran, wurde klarer, und der Druck, der auf ihr lastete, nahm ab. Auf einmal war da ein Ziel: Noch eineinhalb Jahre bis zu den Olympischen Spielen in Seoul mit Volldampf auf dem Rad. Danach will sie Krankengymnastin werden. "Das hatte ich schon lange im Hinterkopf."

Vorher hatte sie davon gesprochen, daß Olympia ihr viel mehr bedeute als die Tour de France, auch wenn die Tour de France im Radsport wichtiger sei. "Seine Ziele", hatte sie gesagt, "sucht man sich ja nach dem Gefühl aus."

Im Herbst, wenn die Rennen dieses Jahres hinter ihr liegen, will sie ihr Praktikum machen. Sie sei jetzt auch beim Radfahren wieder gut drauf, sagt Sandra Schumacher.