Von Helgard Köhne

Erschöpft sahen die neun Männer aus, die mitten in der Nacht aus einer renommierten Anwaltskanzlei am Bremer Marktplatz kamen. Sie waren geschafft und hatten es geschafft: Die Zukunft des Bremer Nordmende-Werkes war vertraglich besiegelt. Der französische Elektronik-Konzern Thomson hatte seine norddeutsche Tochter abgegeben, aber der Betrieb geht weiter. Ein ungewöhnliches, für die Bremer Beschäftigten .gutes Ergebnis. Der Notar, der den Vertrag besiegelte, servierte denn auch zur Geisterstunde echten französischen Champagner für die Herren.

Monatelang hatten sie miteinander diskutiert, gerangelt und gepokert – auch schon mal auf dem Frankfurter Flugnafen, aber immer geheim. „Wir mußten im kleinen Kreis verhandeln und schweigen“, sagt einer der Beteiligten, „sonst wäre der ganze Rettungsplan geplatzt.“ Es hat geklappt, es brodelte nicht einmal in der Gerüchteküche. Dabei stand der Rückzug von Thomson Grand Public praktisch seit Ende letzten Jahres fest: Als Reaktion auf Markteinbrüche konnten sich die Manager des Elektronik-Konzerns wieder einmal nur eine Verlagerung der Produktion vorstellen.

Die Endmontage von Fernsehgeräten sollte konzentriert und das Bremer Werk geschlossen werden. Großes Aufsehen würde das, so kalkulierten offenbar einige Thomson-Manager, wohl nicht mehr machen: Schließlich hatte die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründete Norddeutsche Mende Rundfunk KG als Nordmende eigentlich längst aufgehört zu existieren. Und außerdem hatte das Sterben des einst blühenden Familienunternehmens fast genau zehn Jahre gedauert. Seit Hermann Mende (heute noch Präsidiumsmitglied der Handelskammer in Bremen) im Dezember 1977 seine Firma mit rund 4600 Beschäftigten an das Thomson-Imperium abgab, war das Ende einer der größten Verbrauchsgüter-Produktionen in Bremen „immer in Sicht“ (sagt ein Mitarbeiter).

Nachdem schon in der Vergangenheit die Produktion immer stärker in andere Thomson-Werke verlagert worden war, blieb in der Hansestadt lediglich noch der Vertrieb, die Konstruktionsabteilung und – die Montage von 400 000 Fernsehgeräten (im Jahr) der Marken Nordmende, Saba und Telefunken. Die Belegschaft ist auf tausend Mitarbeiter geschrumpft. All das ging schließlich auch ohne große öffentliche Proteststürme vonstatten.

Im Dezember 1986 wurden erste Andeutungen im Bremer Rathaus bekannt, daß der Thomson-Konzern die Kapazität weiter reduzieren wolle. Schon bald verhandelte eine kleine Gruppe im Auftrag des Bremer Senats. Zu ihr gehörten der Senatsdirektor (so heißen in den Hansestädten die Staatssekretäre) Herwig Schirmer aus der Bremer Arbeitsbehörde und Hans-Peter Steinmetz von der Hanseatischen Industrie-Beteiligungen GmbH (die – als HIBEG – eine Art Venture-Capital-Gesellschaft des Bremer Senats ist). Die beiden schlugen sich bei den Verhandlungen mit den hartnäckigen Franzosen „so manche Nacht um die Ohren“, wie Schirmer sagt.

Aber die beiden sprachen auch mit Manfred Zemitzsch, dem für alle Werke der Thomson-Tochter EWD (Electronic-Werke Deutschland) zuständigen Fernseh-Chef, und mit Peter Ballerscheff, dem EWD-Technologie-Chef. Und das war letztlich entscheidend: Die beiden Deutschland-Manager hatten sich einst in Bremen kennen- und schätzen gelernt, zur gleichen Zeit ein Faible für den Nordmende-Betrieb an der Weser entwickelt und dazu noch den Mut, etwas zu wagen. Die vier Männer wurden schnell handelseinig. Sie wußten, daß das Bremer Fernsehwerk das beste in der Bundesrepublik, das Bremer EWD-Kunststoffwerk sogar das beste in Europa sein soll. Und „die Belegschaft in Bremen ist die beste, die ich je kennengelernt habe“, argumentierte Zemitzsch.