Von Uta Ranke-Heinemann

"Empfangen vom Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria" – bekennen die Christen über den Gottessohn Jesus. Weil sie die "Jungfräulichkeit" in theologisch wie medizinisch modernem Sinn interpretiert, verlor die Essener Theologie-Professorin Uta Ranke-Heinemann ihre kirchliche "Approbation". Ihr folgender Essay versucht, auch Nicht-Glaubenden zu erläutern, worum es geht — und worum nicht

Der Engel und die Jungfrau, das ist ein Bild für Dichter und für Maler. Ein Dichter hat es geschrieben, und Maler haben es in immer neuer Weise gemalt. Der Bote des Göttlichen und die jungfräulich dem konkreten menschlichen Dasein noch Ferne, auf der Schwelle zwischen Kindheit und Frausein eingefaßt noch von einem Raum der Erwartung und Hoffnung und der bereiten Träume: Das Bild kumuliert zu einem Zauber der menschlichen und religiösen Phantasie. Aus ähnlicher Phantasie heraus haben die alten astrologischen Religionen die Jungfrau als Sternbild an den Himmel gesetzt, waren viele antike Göttinnen Jungfrauen, Artemis etwa, die Göttin, die nicht nur keusche Jünglinge schützt, sondern auch die Herrin von Jugend, Hochzeit und Geburt ist. Athene war eine Jungfrau, eine mutterlose Göttin, die ebenso wie die jungfräuliche Nike dem Kopf des Zeus entstieg.

Bei ihnen allen war die Vorstellung von Göttin und Jungfrau zugleich der zweifache Klang und Ausdruck der einen alten aus menschlichen Träumen geborenen Sehnsucht nach un- und überirdischem Sein. So liegt es nahe, daß auch bei der Hoffnung auf Erlösung wieder Jungfrauen eine besondere Rolle spielen. Uralt ist die Vorstellung von Jungfrauen, die göttliche Kinder gebären. "Der Erlöserkönig erscheint überall als Jungfrauensohn" (Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 5, 828, Anm. 21). "Der Mythos von der wunderbaren Geburt des Retterkindes ist in der Tat weltweit verbreitet", schreibt Ratzinger und vermutet, daß "die verworrenen Hoffnungen der Menschheit auf die Jungfrau-Mutter" vom Neuen Testament aufgenommen wurden (Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum, München 1968, 2. Auflage, S. 224).

Der Engel und die Jungfrau. Hinter der ersten schönen und unschuldigen Welt dieses Bildes verbirgt sich eine zweite, gar nicht mehr so schöne und gar nicht mehr so unschuldige. Denn in allen religiösen und kultischen Bildern von der Jungfrau ist mehr enthalten als allgemeine Menschensehnsucht. Hinter ihnen verbergen sich Männerphantasien. Von Männern wurden Jungfrauen getötet als für den Einfluß auf die Götter besonders wirksame Opfer. Es liegen sexuelle Zwangsvorstellungen im Bilde der Jungfrau, zugleich mit viel Frauenverachtung verbunden, der lockende Reiz der Unberührten und die Verdammung und Vernichtung der nicht mehr Reinen, der Geschändeten.

Auch Gott will eine Jungfrau

Jungfrauen sind nicht nur Männerträume, sie sind auch Männerbeute. Und die Lust der Männer auf solche Jagd ist nicht selten von dem Gott dieser Männer gesegnet. Das zeigt beispielsweise die Anordnung von Moses bezüglich der kriegsgefangenen Midianiter, wie sie Numeri 31,17 f berichtet wird. Moses war ein frommer Mann, er handelte stets im Namen Gottes, und der Priester Eleasar war bei ihm, als Moses befahl: "So tötet nun von den Kindern alle Knaben und von den Frauen jene, die schon mit einem Mann verkehrt haben. Aber alle Kinder weiblichen Geschlechts, die noch mit keinem Mann verkehrt haben, lasset für euch am Leben." Der Gott der Kindermörder und der Jungfrauenjäger ist offenbar ein Männergott. Er ist einer ihresgleichen. Und es ist kein Zufall, daß er sich im Bedarfsfall selber einer Jungfrau bedient. Und so wird im schönen Bild des Engels und der Jungfrau der begehrliche, Gott unterschobene Männerblick deutlich: Auch Gott will eine Jungfrau, die noch mit keinem Mann verkehrt hat.

Der eigentliche Inhalt der Glaubensvorstellung von der Jungfrauengeburt ist ein sehr einfacher. Zum rechten Verständnis müssen wir uns allerdings von dem Gedanken lösen, daß Gott einer wäre, der sich männergleich unter den Frauen eine Jungfrau erwählt hätte, der zu irgendeiner Tat einer Jungfrau bedurft hätte oder der gar das Problem gehabt haben könnte, die von ihm Erwählte nicht mit einem Mann teilen zu wollen. Ein Gott, der so gedacht oder gehandelt hätte, wäre ein Mann- und Männergott gewesen. Ursache und Wirkung sind bei solcher Anschauung verwechselt: Die Jungfräulichkeit Marias war nicht die Voraussetzung für Gottes Handeln, sie war nicht das Fundament, auf das Gott seinen neuen Anfang der Zeit gebaut hätte, sondern sie war die Folge seines Handelns. Jungfrauengeburt meint also nicht die Geschichte einer privaten Keuschheit. Der Kern der Jungfrauengeburt ist nicht Mariologie, sondern Gnadentheologie.

Neben dem mariologischen begegnet uns ebenfalls früh das christologische Mißverständnis, die Gottessohnschaft beruhe auf der Jungfrauengeburt. Aber auch die Gottessohnschaft Jesu ist von menschlichem Handeln und Sein unabhängig. "Die Gottessohnschaft Jesu beruht nach dem kirchlichen Glauben nicht darauf, daß Jesus keinen menschlichen Vater hatte; die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre. Denn die Gottessohnschaft, von der der Glaube spricht, ist kein biologisches, sondern ein ontologisches Faktum; kein Vorgang in der Zeit, sondern in Gottes Ewigkeit: Gott ist immer Vater, Sohn und Geist; die Empfängnis Jesu bedeutet nicht, daß ein neuer Gott-Sohn entstellt, sondern daß Gott als Sohn in dem Menschen Jesus das Geschöpf Mensch an sich zieht, daß er selber Mensch ‚ist‘" (J. Ratzinger S. 225).

Das Bild von der Jungfrauengeburt ist ein großes Bild, und als Zeichen für Gottes Heilshandeln, als Versuch einer bildhaften Annäherung an das Geheimnis der Erlösung hat es seinen bleibenden Wert. Man hätte es so bleiben lassen sollen, aber man (Mann) hat es mit eigenen Bildern übermalt und so zu einer Karikatur seiner selbst werden lassen. So ist es zu der übermalenden Vorstellung gekommen, daß es hier nicht ausschließlich um die Heilstat Gottes als solche, sondern um so etwas wie Gottes Suche und Gottes Finden einer moralisch möglichst reinen Methode gegangen wäre, sein Heilswerk in die Tat umsetzen zu können. Es war nicht so sehr ein göttlicher als vielmehr ein männlicher Gedanke, hier die Wahl auf eine Jungfrau fallen zu lassen, wenngleich in diesem Fall notwendigerweise auf eine verheiratete.

Nur aus der vom Mann diktierten Anschauung einer Frauenschande (nicht auch Männerschande) bei einer unehelichen Geburt, aus einer Vorstellung, die Frauen dann gehorsam übernommen haben, hat man Josef zwar nicht als Ehemann im allgemeinen Sinne, aber, doch als Schützer und Beschirmer der Jungfrau konstituiert. Er hat mit seinem guten Namen das in den Augen der Welt suspekte Handeln Gottes nach außen, wenngleich mit einem Etikettenschwindel, legitimiert.

Nachdem der Herr-Gott sich unter allen Frauen eine reine Jungfrau erwählt und sie, obwohl es sich um eine nach außen zu verbergende Tatsache handelte, durch seine Wahl so hoch geehrt hatte, wollten die Männertheologen sie auf ihre Weise ebenfalls ehren. Sie haben sie mit allen Kräften auf die Altäre ihres Denkens erhoben. Das Höchste, was ein Mann an Ehre denken kann außer der Frauenehre um der Männerehre willen, das ist das Heldentum, das kriegerische nämlich. Und so hat man die Mutter Jesu, ohne daß ein engerer Zusammenhang ersichtlich gewesen wäre, neben schon früher in der Männerphantasie entstandene Heldinnen gestellt und sie mit denselben Lobsprüchen bedacht, mit denen man die früheren Heroinnen lobte und pries. Im Graduale des Festes "Maria Empfängnis" heißt es: "Du bist der Ruhm Jerusalems, Du die Freude Israels, Du die Ehre unseres Volkes." Diese Seligpreisung für Maria war ursprünglich an Judit gerichtet, nachdem diese dem betrunkenen schlafenden Holofernes den Kopf eigenhändig abgeschlagen hatte (Jdt 15,9). Das "Marienbild" Ester leistete vergleichsweise noch Größeres als Judit, indem sie nämlich dafür sorgte, daß 75 810 Männer "samt Kindern und Frauen" (Est 8,11) getötet wurden. Judit und Ester, auch Debora, die Richterin, die (Ri 4) die Abschlachtung aller kanaanitischen Truppen – "nicht ein einziger Mann blieb übrig" – organisierte, wie Jael, die bei der Gelegenheit dem feindlichen Feldherrn Sisera, als sich dieser bei ihr ausruhte, mit einem Hammer einen Holzpflock durch die Schläfe schlug: Alle vier sind laut dem Mariologen Alois Müller "in solchen Taten symbolische Vorgestalten von Marias Erlösermutterschaft" und "typologische Vorgestaltungen für die Erwählung Marias" (Mysterium salutis, III, 2, 1969, S. 397).

Weil Maria solchen Frauentypen mariologisch nachgestaltet ist, erstaunt es nicht, daß auch sie selbst im Laufe der christlichen Geschichte militärisch aktiv wurde, wobei sie manchmal sogar gegen sich selbst kämpfte, so im 13. Jahrhundert als Madonna der Kreuzritter von Marienburg gegen die Maria von Nowgorod. Sie kämpfte gegen Heiden, Türken und Protestanten. Auch die Kevelaer-Jungfrau wurde im Dreißigjährigen Krieg mit tatkräftiger Unterstützung des spanischen Statthalters in Brüssel (Kevelaer gehörte damals zu den spanischen Niederlanden) als Bollwerk gegen die Protestanten stationiert. Nicht zuletzt hatten die Juden unter der Jungfrauengeburt zu leiden, wenn sie an solche nicht glauben mochten. Kein Laie, so bestimmte der heilige König Ludwig IX. von Frankreich (1214-70), solle mit Juden über die Jungfrauengeburt.streiten, sondern er solle, wenn einer den christlichen Glauben verleumde, den Juden das Schwert in den Leib stoßen, "so tief es hineingehe" (Jean Sir de Jionville).

In diesem Jahrhundert war Maria im Falklandkrieg engagiert und zog blau und weiß gekleidet den argentinischen Soldaten voran, wie der argentinische Episkopat verkündete. Im Spanischen Bürgerkrieg hat Franco sie zum Generalissimus seiner Armee ernannt, und im Einsatz in der psychologischen Kriegsführung gegen die Kommunisten hat sie 1917 in Fatima zum Kampf gegen dieselben aufgerufen. Die Panzer Hitlers erfüllten die Fatimaweissagung hinsichtlich der Bekehrung Rußlands, berichtet Friedrich Heer über die Auffassung der Berater Pius’ XII.

Die Frau als passiver Blumentopf

Kehren wir zurück zu den Maria von den Theologen zugedachten Ehren und Ehrungen. Daß sie als Frau im Verhältnis zu Gott den Männern ebenbürtig sein könnte wie ein Mann – dieser Gedanke war für die Mariologen bei aller Liebe zu Maria selbst bei ihr unvollziehbar. Trefflich macht das der große Josef Scheeben deutlich, der in seiner Dogmatik die Summe des bis dahin angesammelten theologischen Tiefsinns der Mariologen über die Frau zusammenfaßt. "Im Gegensatz zur väterlichen Zeugung ist die mütterliche wesentlich nur Mitwirkung mit einem anderen Prinzip, welches eigentlich über die Existenz des Produktes entscheidet" (Dogmatik II, 1878, S. 920). Und weil "die väterliche Zeugung... weit mehr ein Abbild der ewigen Zeugung als die mütterliche" ist (S. 921), würde eben darum ein leiblicher Vater als "Concurrenz mit der ewigen Zeugung bezüglich desselben Produktes die letztere eher in den Schatten stellen als verherrlichen, indem dadurch Gott Vater nicht mehr der einzige Vater seines Sohnes wäre ... Um so leichter und, naturgemäßer aber kann mit der göttlichen väterlichen Zeugung eine menschliche mütterliche Zeugung sich verbinden, da dieselbe sich der ersteren naturgemäß unterordnet" (S. 921). Die weibliche Zeugung macht also keine Probleme. Muttersein ist nämlich weniger als Vatersein, darum keine Konkurrenz mit Gottes Vaterschaft.

Die moderne Theologie hat sich von den traditionellen Theorien noch immer nicht sehr weit entfernt. Michael Schmaus erklärt zwar einerseits die Lehre, ein menschlicher Vater hätte der Ehre Gottes Konkurrenz gemacht, zur gnostischen Irrlehre und zur heidnischen Mythologie, andererseits begründet er den Sinn und die Angemessenheit der Jungfrauengeburt mit einer anderen männlichen Überlegung: "Die Erlösung ist nicht männlichem Tatwillen zu verdanken" (S. 138 f) – als ob, wenn Jesus einen natürlichen Vater hätte, die Erlösung dann männlichem Tatwillen zu verdanken wäre. Nach der alten, nahezu gottebenbürtigen Männerherrlichkeit zeigt sich eine neue. Von weiblichem Tatwillen ist folgerichtig nicht die Rede. Er hat, wenn es denn einen solchen gibt, immer eine mindere Qualität. Die durch Albertus Magnus († 1280) in die Theologie eingeführte aristotelische frauenfeindliche Biologie, die die Frau nur als eine Art passiven Blumentopf sieht, in den der Mann seinen die Zeugung eigentlich und vorrangig bewirkenden Samen hineinsteckt, ist von den Männertheologen fast unversehrt ins 20. Jahrhundert hineingerettet worden.

Gott ist jedoch, wie der leider so plötzlich verstorbene Papst Johannes Paul I. richtig erklärt hat, nicht nur Vater, sondern auch Muttern Aber der Gedanke einer Mutterkonkurrenz zu Gott ist noch keinem Theologen in den Kopf gekommen. Gemäß der Mariologie ist es vollends evident, daß Gott ein Mann ist. Er wirkte in Maria das, was sonst die Männer tun. "Was sonst durch das männliche Tun geleistet wird, wirkte in Maria die Allmacht Gottes" (Schmaus, Mariologie 1955, S. 107). Aha.

So wenig Maria als Frau den Männern ebenbürtig ist, so sehr ist sie als Mutter den anderen Müttern überlegen. Hier entfaltet die Mariologie ihren vollen, überschwenglichen Reichtum an zölibatärer, Verehrung für die eine Reine im Gegenüber und Gegensatz zu den übrigen Unreinen. Die traditionelle Lehre von der Jungfräulichkeit in der Geburt besagt, daß 1. das Hymen Marias unbeschädigt blieb, daß 2. die Geburt schmerzfrei war und daß 3. keine Nachgeburt (sordes = Unflat) vorhanden war. Maria soll Jesus wie einen Lichtstrahl, schon von seiner Auferstehung her verklärt, wie den brennenden Dornbusch, der nicht verbrennt, oder wie ein Gedanke entsteht, geboren haben oder so, "wie überhaupt die Geister ohne Widerstand durch die Körper hindurchgehen" (Scheeben II, S. 939).

Mag die Frage, ob Christus, wenn er als eine Art Lichtstrahl oder "wie überhaupt die Geister" geboren wurde, dennoch Mensch geworden ist, hier dahingestellt bleiben: mariologisch darf die Würde der Gottesmutter nicht dadurch gesichert werden, daß man die übrigen Mütter als durch die Zerreißung des Hymens "beschädigt" hinstellt. Bei dem Mariologen Alois Müller ist die Versehrung der Mütter beim Gebären ein besonderes "Zeichen des erbsündlichen Fluches" (S. 464 f), und damit sind wir beim Fluch, der für die Mariologen auf Müttern und Mutterschaft lastet. "Nach der Ursünde traf Eva die Verfluchung ihrer Mutterschaft" (S. 463), und seitdem sind alle Mütter außer einer verflucht. Siebenmal auf einer einzigen Seite (464) spricht Müller das Wort "Fluch" in bezug auf die Mutterschaft aus. Schmerzfrei also war nur die Geburt Marias.

Schmerzfrei war die Geburt Marias auch noch aus einem anderen Grund, den Augustinus (+430), der Vater unserer lustfeindlichen Sexualmoral, beigesteuert hat: "Ohne Fleischeslust hat sie empfangen und darum ohne Schmerzen geboren." Die Theologen werden nicht müde, das auch in unserem Jahrhundert zu behaupten.

Aber indem die Theologen alle anderen Frauen im Gegensatz zur immerwährenden Jungfrau so immerwährend verfluchten, ist ihnen der Blick für die Frau insgesamt verengt, ist ihnen der Begriff von Frausein insgesamt vergangen – falls sie einen solchen Begriff überhaupt je gehabt haben. Indem man Maria so sehr von den anderen Frauen ausgrenzte, hat man sie zu einer Art Unfrau gemacht. Wer eine biologische Jungfräulichkeit in der Geburt behauptet, als eine Lichtstrahl- oder Gedanken- oder Geistergeburt, der muß wissen, daß er die Mutter, von der er redet, um eben ihre Mutterschaft bestiehlt. Es mag sein, daß es manche Menschen nach dem Bild einer Himmelskönigin verlangt, aber mehr Menschen verlangt es nach einem Menschen. Und alle die, die in einem theologisch weniger mirakulösen und darum wahrhaftigeren Bild Marias dem Bild eines wirklichen Menschen hätten begegnen können, hat man mit der Lehre von einem unverständlichen und darum existentiell bedeutungslosen Naturwunder um diese Begegnung betrogen. Mit solchem humanen Defizit in der Mariologie wird der Glaubensvollzug des Christen, sofern ihm Maria konkretes Vorbild im Glauben sein soll, unmöglich gemacht.

Wie Maria ihren Sohn nicht nach Frauenart geboren hat, so hat sie ihn nach der Mariologen Meinung auch nicht nach Frauenart verloren. Eine Mutter, die die Hinrichtung ihres Sohnes miterleben muß – das ist eine Szene, deren Schmerzhaftigkeit nicht ausgemalt zu werden braucht. Im "Kirchenlexikon" von 1893 stellt sich die schlimme Szene anders dar: "In dieses Opfer willigte auch sie ein und leistete damit von Seiten der Menschheit den freien Antheil, der von derselben erwartet werden konnte" (Wetzer und Welte 8, S. 723). Die Vorstellung von der Einwilligung Marias zur Kreuzigung ihres Sohnes findet sich auch in der neuesten Marien-Enzyklika des Papstes JP II. 1987. Nach dem Papst hat auch Maria der Hinrichtung "in mütterlichem Geist... liebevoll zugestimmt". Dieser Satz scheint dem Papst so gut zu gefallen, daß er ihn aus dem 2. Vatikanischen Konzil übernimmt (lumen gentium, c. 58) und daß er diese Haltung Marias unter dem Kreuz als "heroisch" bezeichnet.

Und so setze ich denn meine mariologische Sicht dagegen: Maria hat sich mit allem, was sie fühlte und dachte, gegen die Tötung ihres Sohnes aufgelehnt. Sie hätte, wenn sie es vermocht hätte, diese Hinrichtung zu verhindern gesucht. Sie hat nicht eine Art soteriologischer Nutzen-Kosten-Rechnung aufgemacht. Was der Papst an Zustimmung zur Hinrichtung Jesu offenbar zu leisten bereit ist, das muß er schon selber leisten. In Wirklichkeit lehrt Maria uns, daß wir uns eben nicht und niemals, auch nicht aus einem noch so frommen Anlaß, auf die Seite der Henker stellen dürfen. Der Schmerz einer Mutter, nicht einer Mariologenmutter, sondern einer wahren Mutter, lehrt die alte Wahrheit des Du-sollst-nicht-töten.

Und so ist die wahre Madonna eine andere als die Falklandmadonna, die heroisch andere Mütter dazu bringen sollte, dem Tod ihrer Söhne heroisch ebenfalls zuzustimmen. Sie ist die, die will, daß wir nicht nur das ungeborene, sondern auch das geborene Leben schützen. Sie ist nicht die, die ihre Jungfräulichkeit in der Geburt hätte bewahrt haben müssen, weil solche Verletzung eine Verfluchung bedeutet. Sie ist vielmehr die Verletzliche und die Verletzte und die mit allen weinenden Müttern weinende um allen Tod und alle Gewalttat in der Welt.

Der Engel und die Jungfrau – ein schönes Bild. Das Bild ist weite Umwege und Irrwege gegangen, aber es kann sein, daß es von seinen Übermalungen befreit in alter und neuer Schönheit wieder zu uns zurückkehrt. Und diese neue Geschichte kann durchaus durch Entwicklungen außerhalb der Theologie mitbestimmt werden, etwa durch wachsende naturwissenschaftliche Erkenntnis. Erinnert sei an Gottes Schöpferwerk, als er die Welt in den Bildern der Bibel in sechs Tagen schuf; an die Erschaffung Evas aus Adams Rippe – schöne Bilder, die man korrigieren mußte. Monogenistische Vorstellungen, also daß alle Menschen von nur einem Menschenpaar abstammen, an die man sich bis in dieses Jahrhundert klammerte, vertritt heute kaum jemand mehr. Überall, wo Theologie mittels naturwissenschaftlicher Vorstellungen betrieben wurde und wird, muß sie sich Korrekturen gefallen lassen. Und weil das auch in der alten Vorstellung der Jungfrauengeburt der Fall war, gilt das auch für sie.

Die kopernikanische Wende hätte sich 1827 vollziehen müssen, und zwar wegen einer ganz banalen medizinischen Erkenntnis: der Entdeckung der weiblichen Eizelle. In der Theologie, so erstaunlich das klingen muß, hat man dieses Faktum nicht eigentlich zur Kenntnis genommen.

Es war eine sehr tiefsinnige Vorstellung, Gott durch eine biologische Jungfrauengeburt als einen allein und souverän Handelnden zu sehen und darzustellen. Die Kirche hat dabei an eine Jungfrauengeburt nicht nur ohne männlichen Samen, sondern auch ohne weibliches Ei geglaubt, an eine souveräne Schöpfung Gottes aus dem Nichts. Die Geburt Jesu sollte in keinerlei Hinsicht menschlichen Zeugungsbeitrag beinhalten, die Erschaffung Jesu sollte ganz und gar ein übernatürliches, eben Gottes ausschließliches Werk sein. Jungfrauengeburt bedeutet also nicht eine von selbst erfolgende Teilung der weiblichen Eizelle, sie bedeutet nicht eine göttliche, Befruchtung derselben, sie bedeutet keine Form von Zeugung durch Gott, Gott ist in keinem Sinn der physische oder biologische Vater Jesu, die "jungfräuliche" Empfängnis Jesu bedeutet vielmehr Neuschöpfung Gottes.

Seit der Entdeckung des weiblichen Eis 1827 jedoch und damit der Entdeckung des hälftigen Anteils der Frau an der Zeugung läßt sich die traditionelle Vorstellung der Jungfrauengeburt als Bild eines souveränen Handelns Gottes nicht mehr halten. Das weibliche Ei steht der in der Jungfrauengeburt zum Ausdruck gebrachten Idee genau so entgegen wie der männliche Same. Nicht nur der männliche Same, sondern auch das weibliche Ei schließen für ihren Teil das souveräne alleinige Handeln Gottes aus. Wer ein weibliches Ei bei Maria mitdenkt, der kehrt dem alten Glauben den Rücken. Denn er leugnet, falls er die Jungfrauengeburt biologisch versteht, daß Maria Christus gänzlich und total "vom Hl. Geist empfangen" hat. Es könnte allenfalls noch heißen: "Empfangen vom Hl. Geist zu fünfzig Prozent".

Ein Ei hätte zudem eine geschlechtliche Beziehung und Verbindung bedeutet. Die Anerkenntnis der weiblichen Eizelle bei gleichzeitiger Behauptung einer "jungfräulichen" Empfängnis bedeutet, was die Empfängnis Jesu auf keinen Fall ist und sein darf, nämlich Zeugung, Befruchtung, geschlechtliche Beziehung zwischen Gott und einer Frau. Das müßte mit Recht als heidnischer Aberglaube abgelehnt werden. Sonst wäre der Hl. Geist in die Schrumpfrolle eines übernatürlichen Männerersatzes verkümmert. Gott hätte dann lediglich auf übernatürliche Weise die Rolle eines natürlichen Mannes beziehungsweise des männlichen Samens übernommen und damit nur einen halben göttlichen Anteil in einem im übrigen natürlichen geschlechtlichen Vorgang gehabt. Der fehlende Begriff von einer weiblichen Eizelle war also die Voraussetzung für die Vorstellung einer Jungfrauengeburt vom Hl. Geist im geschlechtslosen Raum.

Nach der Entdeckung des weiblichen Eis bedeutet die weitere Behauptung der biologischen Jungfrauengeburt Marias eine Reduktion der Heimat Gottes. Falls aber auch nach 1827 seitens der Kirchenmänner Maria kein weibliches Ei zugestanden würde, dann ist sie nicht mehr Mutter Jesu im wahrsten Sinn des Wortes, sondern nur noch eine Art übernatürlicher Leihmutter. Behauptet man also eine Empfängnis ohne weibliches Ei, um so die ursprüngliche Idee von Gottes Neuschöpfung aufrechtzuerhalten, so ist die Mutterschaft Marias im biologischen Sinn aufgehoben.

Will man die ursprüngliche Souveränität des Handelns Gottes wieder zur Geltung bringen und verdeutlichen, so ist es seit den neueren biologischen Erkenntnissen nicht mehr möglich, dieses lediglich in Gottes Beziehung zu der Mutter seines Sohnes zu sehen. Es muß, soll es wieder als Ganzes und Umfassendes zur Geltung kommen, ganzheitlicher gesehen werden, nämlich in einer (theologisch) "jungfräulichen" Elternschaft eines natürlichen Elternpaares. Theologisch darf Gott nicht als lediglich männlich oder pseudomännlich Handelnder gesehen werden, der einen männlichen Fünfzig-Prozent-Anteil bei der Zeugung Jesu göttlich ersetzt, er muß vielmehr als ein insgesamt göttlich Handelnder gesehen werden, so daß nicht nur die Mutterschaft einer natürlichen Mutter, sondern auch die Vaterschaft eines natürlichen Vaters zugleich die Menschwerdung seines eigenen Sohnes bedeutet. In dem Sohn dieser Eltern, Jesus, zieht Gottes ewiger Sohn das Geschöpf Mensch an sich. Theologisch läßt sich die natürliche Elternschaft zweier Eltern als eine "jungfräuliche" betrachten, in dem Sinn, daß Gott mit dem Sohn dieser Eltern als seinem Sohn einen neuen Horizont der Geschichte setzt. Von daher begegnet uns wieder das Bild einer Frau als "Jungfrau", da Gottes Geschichte mit ihr und in ihr beginnt. Und von daher begegnet uns wieder der Engel, diesmal nicht nur einem Menschen, sondern allen.

Und wie ist schließlich nach alledem die neutestamentliche Geschichte von der Jungfrauengeburt theologisch zu bewerten? Karl Rahner hat es gesagt: "Wir können durchaus diese Berichte, innerhalb deren die Jungfrauengeburt ausgesagt wird, als Midrasch, als ausmalende, aktualisierende Predigt, als Lehr- und Erbauungserzählung verstehen. Man könnte sagen: als eine Schöpfung der Theologie, die es innerhalb des Neuen Testamentes selbstverständlich schon gibt und die sich gewisse theologische Fragen stellt und beantwortet... Ein solches literarisches Genus schließt natürlich nicht notwendigerweise den Anspruch ein, daß alles so dramatisch inszeniert Gesagte im Sinne eines modernen Begriffs von Historie von vornherein rigoros historisch verstanden werden müsse" (Zum Thema Jungfrauengeburt, Stuttgart 1970, S. 124 f).

Dem ist nichts hinzuzufügen, und davon ist nichts wegzustreichen. Damit hat die Sache ihre theologische Ordnung.