Von Willi Jasper

Nachdem das jüdische Ghetto in Warschau Ende 1940 abgeriegelt wurde, starben dort jeden Monat Tausende von Menschen an Hunger und ansteckenden Krankheiten. Hunderttausende wurden in die Vernichtungslager deportiert oder fielen der Vergeltungsaktion der SS nach dem verzweifelten Aufstandsversuch im April und Mai 1943 zum Opfer. Von den wenigen, die entkommen und sich verbergen konnten, erlebten bei weitem nicht alle das Kriegsende. Den Überlebenden fällt es heute noch schwer, über ihre Erinnerungen zu sprechen oder gar zu schreiben. Auch Janina Baumann "brauchte etwa vierzig Jahre", wie sie selbst erklärt, "um für dieses Buch bereit zu sein":

Janina Baumann: Als Mädchen im Warschauer Ghetto. Ein Überlebensbericht; Verlag Max Hueber, Ismaning 1986; 312 S., 36,– DM.

Zusammen mit ihrer Mutter und der jüngeren Schwester gelang ihr im Januar 1943 die Flucht aus dem Ghetto auf die "arische" Seite. In unsicheren Vestecken, zunächst in Warschau, dann auf dem Lande, warteten die drei Frauen auf das Ende des Totentanzes. Doch die "wunderbare Rettung" ist nur ein Teil des Schicksals der polnisch-jüdischen Familie Baumann, der andere umfaßt die doppelte Tragik polnischen Märtyrertums: Janinas Vater, Arzt und Offizier, wurde 1939 von der Roten Armee gefangengenommen und in Katyn ermordet – ihr Bruder und Großvater starben als Helden des Widerstands 1944 in den Flammen des Warschauer Aufstandes. Nach dem Krieg war das Familienschicksal ein Tabu. "Nie erzählte ich meinem Mann und meinen Töchtern die ganze Geschichte ... Ich zog es vor, zu vergessen."

Den Anstoß zum Schreiben gaben nicht die verarbeiteten Reflexionen des Abstands, sondern eine unvermittelte Konfrontation mit ihren Tagebüchern, die sie als junges Mädchen verfaßt hatte. Jahrelang lagen sie vergessen in einer Schublade in Warschau. Erst nach dem Tode ihrer Mutter fand Janina Baumann in ihrem Nachlaß sorgfältige Abschriften. Nach vierzig Jahren stellte sie sich ihren schrecklichen Träumen, entschlossen begab sie sich in ihre Vergangenheit – Jahr um Jahr, Monat um Monat, Erfahrung um Erfahrung. Erinnerung und Schreiben wurden zum Therapievorgang. "Ich tauchte tief in die Vergangenheit ein, vergaß mein gegenwärtiges Alter und wurde wieder das junge Mädchen von damals."

Das Ergebnis sind Detailskizzen des Ghetto-Alltags, objektivierend-sachlich, wie sie nur Kinderaugen wahrnehmen können. Die Autorin begann ihre Aufzeichnungen als Dreizehnjährige. Selbst Höllenszenarios auf dem Ghettofriedhof geraten zu unwirklich-friedlichen Bildern. So heißt es In der Tagebucheintragung vom 21. Mai 1942: "... kein Laut war zu hören außer dem Zwitschern der Vögel. Den Duft der feuchten Erde einatmend, schliefen wir allmählich ein, als wir plötzlich Klagelaute hörten, die vom Friedhofseingang näher kamen .. ., zwei Männer zogen einen bis zum Rand mit Leichen gefüllten Karren, der flüchtig mit einem Tuch bedeckt war. Ein alter Jude, vielleicht ein Rabbiner, folgte dem Karren, eintönig klagend und vor sich hin summend; viel zu schnell für sein Alter wankte er dahin. Rasch zogen sie vorüber und waren bald nicht mehr zu sehen."

Der Ghetto-Alltag hatte zwei Ebenen der "Normalität", eine statistische und eine lebendige. Statistisch gesehen erhielten die Ghettobewohner Lebensmittelzuteilungen von 184 Kalorien pro Person und Tag, während den Polen 634, den Deutschen 2310 Kalorien zugestanden wurden. Durchschnittlich wurden einer Person ein halbes Pfund Zucker und 4 Pfund Brot im Monat zugeteilt. Heizmaterial war äußerst knapp. Im Winter 1941/1942 waren 718 von 780 überprüften Wohnungen ungeheizt. In einem Raum lebten durchschnittlich 13 Personen ...