Von Dietmar Grieser

Lokaltermin in Bevin House. Der Nahverkehrszug der Long Island Rail Road bringt mich in etwas mehr als einer Stunde von der Madison Square Station im Herzen Manhattans nach Northport. Es ist eines der typischen Sommerfrischestädtchen vor den Toren der Millionenstadt. Die E.-T.-Plastikpuppen im Schaufenster eines Spielzeuggeschäfts an der Main Street wirken auf einen, der hinter dem kleinen Prinzen her ist, doppelt ernüchternd: Krüppel aus Kitsch und Kommerz.

Wie sehr die Fernsehmythen unsere Vorstellungswelt beherrschen, sehe ich an dem eleganten Taxichauffeur mit dem Silberhaar, der mich vom Bahnhof zur ehemaligen Saint-Exupéry-Residenz an der äußersten Südspitze der Halbinsel Eaton’s Neck bringt: Blake Carrington, wie er im Buche (der Serie „Der Denver-Clan/Dynasty“) steht. Kann man einem so mondänen Mannsbild Trinkgeld geben?

Der Weg durch den Ort bis zu der ihm vorgelagerten Halbinsel zieht sich. Erst, wo die schmale Straße zum denkmalgeschützten Leuchtturm abzweigt, wird’s exklusiver: tief im Ulmengehölz versteckte Landhäuser, das meiste aus neuerer Zeit. Als Saint-Exupery hier den „Kleinen Prinzen“ schrieb, war er der einzige Siedler weit und breit und die kurvenreiche Bevin Road noch eine ungepflasterte Privatstraße ohne Hausnummern. Heute teilen sich mehrere proprietors in das kleine Zipfelchen Land zwischen Duck Harbor und Northport Bay; die Nr. 76 gehört seit einigen Jahren dem Manhattaner Bauunternehmer Nikos Kefalidis.

Der Hausherr ist, wie ich es nicht anders erwarte, unabkömmlich; um so liebenswürdiger empfängt mich seine junge Frau. Mrs. Laura Kefalidis praktiziert amerikanische hospitality: Alle Türen stehen mir offen. Für die Führung durchs Haus steht sie selber zur Verfügung, für Park und Strand der Gärtner.

Das Studio mit Erker und Meeresblick, in dem sich Saint-Exupery von Mitternacht bis Morgengrauen einbunkerte und bei Unmengen schwarzen Kaffees Stöße von amerikanischen Onion Skin Papers mit den Abenteuern des „Kleinen Prinzen“ vollschrieb, ist heute das Spielzimmer der Kefalidis-Kinder. Und da der „Kleine Prinz“, der längst auch dramatisiert ist und über das Kabelprogramm von „Nickelodeon“ als TV-Cartoon ausgestrahlt wird, zu Mrs. Kefalidis Lieblingsbüchern zählt, wird das Kasperltheater, das den Raum dominiert, vielleicht sogar einmal als Saint-Exupéry-Bühne erprobt.

Die Photos von Bevin House, die, akkurat gerahmt, auf einem der Flure hängen, stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg: An den berühmten Insassen von 1942 erinnert nichts als das Anwesen selbst. Das breit hingelagerte dreistöckige Landhaus mit der säulengestützten offenen Veranda und dem großzügig angelegten Dachgarten ist von seinem neuen Besitzer auf Hochglanz gebracht. Der literarische Spurensucher, der sich wohl ein wenig mehr Patina wünscht, schwankt zwischen Bewunderung und Enttäuschung.