Über eine Ausgabe der „Gesammelten Gedichte“

Lyrik / das Nichtwort / ausgespannt / zwischen Wort und Wort“: Ihre Poetik der wortlosen Zwischenräume brachte Hilde Domin 1964 im Motto ihres dritten Gedichtbandes („Hier“) auf einen knappen Nenner – charakteristisch für ihre einprägsamen, sparsam artikulierten Verse und zugleich ein Resümee ihrer theoretischen Auseinandersetzung mit der Funktion der Poesie und ihrer gesellschaftlichen Belange. „Wozu Lyrik heute“, nannte sie 1968 forsch einen Sammelband mit Aufsätzen über Gedichte „als Gebrauchsgegenstände“. Wie sich poetische Texte zwischen Autor und Leser verändern, verdichten und verlebendigen – das zeigte Hilde Domin in der Anthologie „Doppelinterpretationen“ (1966).

In ihren Schriften über Lyrik argumentiert sie am überzeugendsten, wenn sie vom eigenen Schreibprozeß spricht. Das wundert nicht, denn in erster Linie ist sie Dichterin. Als Hommage zum 75. Geburtstag der Lyrikerin hat der S. Fischer Verlag nun „Gesammelte Gedichte“ herausgebracht. Der Band enthält nicht nur die Verse aus ihren vier zwischen 1959 und 1970 erschienenen Gedichtbänden, sondern auch bisher nicht veröffentlichte Texte aus den fünfziger Jahren, neue Gedichte und Übertragungen aus fremden Sprachen (vor allem die Texte von Giuseppe Ungaretti und Denise Levertov zeigen Verwandtschaft mit Hilde Domins eigenen Arbeiten).

Ein Studienaufenthalt in Rom, 1932, wurde für die deutsche Jüdin und ihren späteren Mann, den Kunsthistoriker Erwin Walter Palm, zur ersten Station des Exils, aus dem beide auf dem Weg über England, die USA und die Dominikanische Republik erst 22 Jahre später zurückkehren sollten. Ein Leben in der Fremde, als Fremdling, in fremden Sprachen. Im Jahr 1951 schrieb Hilde Domin mit 39 Jahren in Santo Domingo gegen den Sprachverlust erste Gedichte. Mit der Muttersprache versicherte sie sich der nächstgegebenen Dinge. Benennung wurde zum Halt: „Ein Trost ist, zu wissen/ wo die Tassen stehn und die Teller/ in dem Haus, in dem du zu Gast bist.“

Die Wort-Spuren auf dem Papier markieren die „wenig nütze“ Existenz desjenigen, der „ohne Spur“ vorübergeht. „Im deutschen Wort“, nimmt Hilde Domin ihren „Wohnsitz“, birgt sie sich einen Schutzort der Gewißheit: „Wort und Ding/lagen eng aufeinander/ die gleiche Körperwärme/bei Ding und Wort.“ Dies ist die sichere Basis, von der aus die Wörterwelt wieder durchlässig werden kann für die Zwischentöne, für die „Ungewißheit/ die anfängt/ wo das Wort aufhört“.

Die Gedichte aus den fünfziger Jahren wiegen sich trotz ihrer klaren Sprache im sicheren Netz der Naturmetaphern – nicht immer in so geglückten Kombinationen wie im ersten Buchtitel: „Eine Rose als Stütze“. Die frühen Worte Hilde Domins sind „reife Granatäpfel“, die aufbrechen, „Vögel mit Wurzeln“ oder „Rosen“. Die Suche nach einem Zuhause im Wort dominiert die Exiltexte: „Was für ein Zeichen/ mache ich über der Tür/um bleiben zu dürfen?“

Auch die Liebe, die unerwidert bleibt und am „Rücken aus Fremde“ abprallt, läßt bei ihr, deren deutsches Flucht-Schicksal in dieser chronologischen und thematischen Zusammenstellung der Gedichte nie aus dem Blickfeld gerät, immer an die verstoßene Liebe zum Heimatland denken.