Das Gottvertrauen von Ministerpräsident Strauß scheint grenzenlos zu sein. Selbst im Jahre 2200 würde er noch in der alten Staatskanzlei Dienst tun, wenn ihm „Gott 200 Jahre zum Leben schenkt“. Das äußerte Herr Strauß im Bayerischen Senat in einer Debatte um den Staatskanzlei-Neubau. Nur für seine Angestellten, Arbeiter und Beamten seien die „menschenunwürdigen“ Bedingungen in der alten Staatskanzlei nicht mehr zumutbar.

Wie haben sich doch in der Staatskanzlei innerhalb nur einer Generation die Werte verändert, daß mit dem Wort „menschenunwürdig “ so gotteslästerlich leichtfertig umgegangen werden kann.

Diese Erkenntnis wird dadurch bekräftigt, daß Herr Strauß in der Senatsdebatte das Ringen um die architektonische Gestaltung der neuen Staatskanzlei mit einem „Kasperltheater“ vergleicht.

Aus dem Informationsblatt des bayerischen Bundes Deutscher Architekten, Heft 211987

Klassik, Pop et cetera

35 000 Mark hatte eine Firma an Preisen ausgesetzt, um zu erkunden, was „junge Gestalter“ heute aus Sperrholz-Formteilen zu machen verstehen. Es wurde ein großer Erfolg. 450 Entwürfe gingen ein, die Jury war mit dem „überraschenden Ergebnis sehr zufrieden“. Wie man aus der renommierten Zeitschrift form erfahren kann, brillierten die Talente mit erstaunlich überflüssigen Erfindungen, was die Jury erst recht dazu ermunterte, das ganze viele Geld zu verteilen und ihre Urteile auch in ein angemessenes Sprachdesign zu kleiden. Der erste Preis (10 000 Mark) ging an ein Regal, auf dem die Bücher links und rechts leicht zur Seite kippen, weil sich die Bretter nach oben wölben und dadurch „die Motivation des Zugreifens erhöhen“. Die Jury lobte aber auch die „skulpturale Qualität im Raum“; damit werde „die konventionelle statische Vorstellung eines Buchregals dynamisiert“. In einem Sperrholzschemel wiederum, in dessen Lehne schlau eine Staffelei eingearbeitet ist und die deshalb den zweiten Preis (6000 Mark) bekam, erkannten die Juroren scharfsinnig „ein Spezialinstrument zur Unterstützung künstlerischer Arbeit“. Begeistert brachten sie den Satz zu Papier: „Die anthropomorphen Qualitäten erzeugen eine poetische Dichte, die aber gleichzeitig die pragmatische Nutzung stimuliert.“ Noch ein Blick auf die anderen akrobatisch gebogenen Sperrholzmöbel, schon ist man für eine ganz andere Erfolgsmeldung bereit. Von der in der Zeitschrift Schöner Wohnen erschienenen, 1981 in einer Broschüre für 26 Mark verbreiteten Serie über „Moderne Klassiker – Möbel, die Geschichte machen“, wurden mittlerweile 60 000 Stück verkauft; die 7. Auflage (erweitert und auf den neuesten Stand gebracht) kommt demnächst heraus. Es scheint, als gelinge es keinem „Memphis“ und keiner anderen, vom Überdruß an der gebrauchstüchtigen Moderne inspirierten Designkonditorei, die gute alte Moderne, die klassische, zu überflügeln oder außer Kurs zu setzen. Vielleicht, weil für ihre Begründung nicht nur – wie bei den Sperrholztüftlern – Wörter wie „ästhetisch, innovativ, machbar“ wichtig waren, sondern: brauchbar, nützlich.

Filmkritik, letzte Ausgabe