Von Nina Grunenberg

Als in der New York Times vor einiger Zeit ein neuer Chefredakteur gesucht wurde, versammelte der Verleger Arthur O. Sulzberger die "Prinzen" des mächtigen Blattes in der Zentrale. Aus Washington, Rio de Janeiro und Johannesburg wurden die Bürochefs zurückgerufen: sie galten als vielversprechend. Auch John Vinocur, der Korrespondent der New York Times in Paris, brach damals seine Zelte in Europa ab und kehrte in seine Vaterstadt New York zurück. Der abtretende Chefredakteur Abe Rosenthal, ein ebenso bewundertes wie gefürchtetes Journalisten-Denkmal, hatte ihn persönlich aufgefordert, sich um seine Nachfolge zu bewerben. Um Vinocurs Startposition zu erleichtern und seine über fünfzehnjährige Abwesenheit aus dem Mutterhaus auszugleichen, wurde er mit dem "metropolitan desk" betraut, dem Lokalteil der New York Times. 125 Reporter warten hier täglich auf ihren Durchbruch. Wer dieser Führungsaufgabe gerecht wird, heißt es, hat den Marschallstab im Tornister.

Der Ausleseprozeß für "die mächtigste Position im amerikanischen Journalismus" zog sich über eineinhalb Jahre hin. Dann traf das große Los Max Fraenkel, den Chef der Leitartikel-Seite und einen der analytischsten Köpfe der New York Times. Doch auch die Verlierer mußten nicht lange Trübsal blasen. Jeder von ihnen wurde mit einem attraktiven Posten abgefunden.

Den schönsten Trostpreis erhielt John Vinocur. Seit Februar dieses Jahres ist er Chefredakteur der International Herald Tribune, an der die New York Times zu einem Drittel Eigentümerrechte hat. Die Rückkehr nach Paris, dem Sitz der Zeitung, machte Vinocurs Glück vollkommen. Jetzt kann er wieder versuchen, "wenigstens für ein paar Minuten am Tag wie Gott in Frankreich zu leben": "Man kann es schaffen", versichert er ernsthaft wie einer, der im Training ist: Zum Beispiel morgens um halb acht Uhr, wenn Paris noch schläft und er allein auf der Straße ist, in ein Café geht, seine Zeitung liest und in ein Croissant beißt – "dann bin ich Gott ganz nahe",

Der 47jährige New Yorker, von großer Statur, dunkel und mit einer schönen, ruhigen Stimme, weiß, wie man Glücksgefühle beschreibt: Er ist Reporter bis auf die Knochen und ein begabter Schreiber, Aus welcher Ecke der Welt auch immer er in seiner Korrespondentenzeit berichtete – ob aus der Bundesrepublik Helmut Schmidts, ob aus Giscard d’Estaings Frankreich oder aus Paraguay unter dem Schreckensregime des General Stroessner – stets hob ihn sein Schreibtalent aus der Masse der Korrespondenten hervor. Seine Sprache verriet nicht nur ein sicheres Gefühl für Stil, Eleganz und Tempo, sondem auch die Fähigkeit, hinter den Fakten die Zusammenhänge zu erkennen und sich in den Korridoren der Macht, die ihm vertraut sind, nichts vormachen zu lassen. Bei der New York Times gehörte er zu den großen Federn.

Dabei war er ein Naturtalent: Vinocurs formale Bildung war mit dem College zu Ende. Im Jahre 1961 ging er, "von Europa und dem Journalismus gebissen", zum ersten Mal nach Paris, spielte eine Saison in einer französischen Basketball-Mannschaft und begann im Pariser Büro der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) seine journalistische Lehrzeit als Gelegenheitsmitarbeiter. Wie Gene Kellys Amerikaner in Paris hatte auch John Vinocur damals eine französische Freundin, die ihm frühzeitig die Einsicht vermittelte, daß "die Essenz des französischen Charakters in der Sprache" zu finden ist. Er spricht sie gut. Sieben Jahre später kam er als akkreditierter Auslandskorrespondent von AP zum zweiten Mal nach Paris – gerade rechtzeitig zur Studentenrevolution. 1976 wurde er Bürochef der New York Times in Bonn, 1982 übernahm er ihr Pariser Büro.

Jetzt macht er seine eigene Zeitung. Nach der New York Times gilt die Herald Tribune als das einflußreichste Blatt in der westlichen Hemisphäre. Vor hundert Jahren als "Dorfzeitung für die Amerikaner in Paris" gegründet, wird die "Trib" heute, dank der Lichtsatztechnik, gleichzeitig in London, Zürich, Marseille, Den Haag, Hongkong, Singapur, Miami und demnächst auch in Tokio gedruckt, sie ist in 165 Ländern der Welt verbreitet. Ihren Untertitel the global newspaper – das weltweite Blatt – hat sie sich ehrlich verdient. Verglichen mit großen nationalen Blättern ist die Auflage der Herald Tribüne mit 175 000 Exemplaren zwar nicht sehr hoch, dafür ist ihr Publikum aber Gold wert. Es ist international gemischt (der Anteil der Amerikaner an der Leserschaft ist auf 35 Prozent gesunken), wirtschaftlich potent (einer von zehn Lesern gehört in die Kategorie der Dollarmillionäre) und politisch interessiert.