Von Martin Ahrends

Lohengrin: "O, Elsa, was hast du mir angethan? / Als meine Augen dich zuerst ersahn, / zu dir fühlt’ ich in Liebe mich entbrannt, / und schnell hatt’ ich ein neues Glück erkannt; / die hehre Macht, die Wunder meiner Art, / die Kraft, die mein Geheimnis mir bewahrt, / wollt ich dem Dienst des reinsten Herzens weihn; / – was rissest du nun mein Geheimnis ein? Elsa (in höchster Verzweiflung aufschreckend): "Mein Gatte! Nein! Ich laß dich nicht von hinnen!..."

Der Chor: "Weh! Weh!"

Die Probe wurde nicht bestanden, eine Chance ist unwiderruflich dahin. Was tun Menschen da? Sie weichen ihrem Schmerz aus, so gut es geht. Die Ereignisse drängen sich, es geschieht auch noch so manches Tröstliche in den letzten Minuten der Oper: Ordtrud wird endlich als Frevlerin entlarvt, Gottfried erscheint als eine Art weltlicher Lohengrin-Ersatz, dem Heer des Königs Heinrich wird glänzender Sieg verhießen – das Leben geht weiter, mit der Aussicht auf blutige Schlachten.

Während die Brabanter sich also in ihre entzauberte Welt zurückfinden, dunkelt sich die Bühne ein. Zuerst denkt man an eine Wolke, die unmerklich vor diese indirekte milchige Wintersonne gezogen ist, dann kann es sich eigentlich nur noch um eine Sonnenfinsternis handeln, so. lichtlos läßt Lohengrin das Land zurück.

Und so aufgeklärt: Jetzt weiß man glücklich Namen und Adresse dieses Herrn vom Gral, und das Wunder ist, gottlob, mit rechten Dingen zugegangen. Der Schwan wird vor aller Augen entkostümiert, und siehe da, was an ihm Schwan war, ist "in Wirklichkeit" nur eine gefiederte Hülle. Schmächtig, unbedeutend steht der Knabe Gottfried, kein in Gold und Silber gewandeter Ritter, in seinem Unterzeug auf der Bühne herum; der banale Alltag hat die Brabanter wieder.

"Vereisung der Herzen" nennt Werner Herzog den Ausgang der Oper, schon beim ersten Hören dieses Schlusses habe er ein Kältegefühl gehabt. Und er glaubt an die Wirkungen dieser Musik wie der Opernnarr Fitzcarraldo in einem seiner Filme; aus derselben demütigen Ehrfurcht vor der Musik Wagners wagt Herzog in seiner Inszenierung kaum mehr, als die intuitiven Bilder, die sie ihm eingegeben hat, getreulich widerzugeben. Ohne die Kenntnis anderer Wagner-Inszenierungen, ohne Sekundär-Literatur. Ohne irgendeine Entwicklung der Wagner-Rezeption fortsetzen zu wollen. Und so sind denn die meisten Bilder, die er zusammen mit seinem Bühnenbildner Henning von Gierke fand, alles andere als sensationell; gleichwohl sind sie auf eine einfache Art stimmig: Als das Wunder seine Macht über sie verloren hat, als sie es endlich wissen, was sie wissen mußten, hocken die am Strand Zurückgelassenen im fahlen Halblicht, und kauern sich enger zusammen. Da beginnt es zu schneien, als bräche eine Eiszeit an.