Was ist das für ein schamloses Schauspiel? Nackte, wuchtige Leiber, wirr ineinander verschlungen. Eine dralle Blonde, auf dem Rücken eines geilen, geflügelten und gehörnten Wüstlings durch die Lüfte reitend. Schenkel, Brüste und Gesäße, rosig schimmernd oder giftgrün leuchtend. Wohin das Auge schweift: Sadismus, Vampirismus, Lust und Tod.

Ein schamloses Schauspiel – wo aber findet es statt? Nein, wir sind noch nicht in Salzburg und bei den Salzburger Festspielen. Wohl aber sind wir schon in einer Kirche. Wir nähern uns unserem Thema gleichsam von Süden – wir stehen im Dom von Orvieto und schauen ungläubig zu jenen Exzessen des Fleisches hinauf, die der große Luca Signorelli an die Mauern des heiligen Hauses hat malen dürfen.

Und unser Blick wandert vom grausigen Höllensturz weiter zu einer tröstlichen, gleichwohl nicht weniger schamlosen Szene, "Auferstehung des Fleisches" geheißen und exakt so gemalt. Denn keine seligen Schatten entsteigen da dem Erdreich, sondern herrliche Leiber beiderlei Geschlechts, graziös und muskulös zugleich. In Luca Signorellis Paradies, so darf der Betrachter vermuten, wird nicht nur der Geist über den Wassern schweben – dort wird es auf eine himmlische Weise irdisch sein, und die Liebe höret nimmer auf.

Solch ein Schauspiel ist in einer Kirche möglich. War es einmal. Denn mittlerweile ist fast ein halbes Jahrtausend vergangen, und wie wir alle wissen (und täglich neu erleben), schreitet die Aufklärung seitdem unaufhaltsam voran. Womit unsere kleine italienische Reise schon beendet wäre und wir mittendrin sitzen in einem schwarzen Loch, das "Salzburg" heißt.

In Salzburg nämlich hat man soeben energisch dafür gesorgt, daß schamlose Schauspiele am heiligen Ort unterbleiben. In Salzburg nämlich weiß man genau, welches Schauspiel Gott gefällt und welches nicht. Deshalb hatte man auch keinerlei theaterkritische Mühe, einen Skandal, der sich in der Universitätskirche begab, sofort als solchen zu erkennen und schleunigst auszumerzen.

Ein einziges Mal durften der Regisseur George Tabori und seine Mitspieler zeigen, welche Szenen und Bilder ihnen zu Franz Schmidts Endzeit-Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln" eingefallen waren. Und auch dieses einzige Mal durften sie es nur unter rhetorischem Geleitschutz zeigen: Franz Willnauer, Generalsekretär der Salzburger Festspiele, trat vor das verdutzte Publikum und bat um "Liberalität und Toleranz", in geradezu herzzerreißend gewundenen und gequälten Worten.

Ein schöner Auftritt, doch genutzt hat er nix. Denn wie wir nun wissen, sind nicht die Salzburger Festspiele Herr über die Salzburger Festspiele. Kaum nämlich hatte Taboris Schauspiel zum ersten (und wie wir nun wissen: einzigen Mal) stattfinden dürfen, meldeten sich die wirklichen Hausherren und machten von ihrem Hausherrenrecht kraftvoll Gebrauch: Der Rektor der Universität und der Herr Erzbischof höchstselbst fanden die Würde des heiligen Orts von den Theatermachern verletzt, verlangten Änderungen (die sie natürlich nicht bekamen) – und handelten.