Witold Gombrowicz’ Roman „Trans-Atlantik“ in einer neuen Ausgabe

Von Jürgen Manthey

Am 21. August 1939 läuft das polnische Schiff „Chrobry“ auf seiner Jungfernfahrt in Buenos Aires ein. An Bord Ehrengäste, hohe Regierungsvertreter und zwei junge Schriftsteller aus Warschau. Einer von ihnen, Witold Gombrowicz, wird, als wenige Tage später der Zweite Weltkrieg ausbricht, nicht mit den anderen nach Europa zurückkehren. Als die „Chrobry“ losmacht, steht er am Ufer und hat das Gefühl, auf die Knie fallen zu müssen: „Jedoch bin ich gar nicht auf die Knie gefallen, sondern habe nur so zu Fluchen und zu Lästern angefangen, aber still für mich: ‚So fahrt denn hin ihr, fahrt ihr Landsleute zu eurer Nation! Fahrt ihr nur zu eurer heiligen wohl verdammten Nation! .. Fahrt zu eurem hl. Gespenst! ... Fahrt nur dahin zu eurer hl. Transuse, daß sie euch Schleimen macht noch und noch.‘ “

Der Roman „Trans-Atlantik“, der mit dieser Szene beginnt, ist zwischen 1947 und 1950 in Buenos Aires entstanden. Denn was ein kurzer Landurlaub in Argentinien sein sollte, wurde für Gombrowicz zum Exil für vierundzwanzig Jahre. Wenn der Autor in dem Ruf steht, der polnische Cervantes und Beckett in einer Person zu sein, dann hat dieses Buch wesentlich dazu beigetragen. Es setzt fort, was Gombrowicz mit seinem ersten Roman „Ferdydurke“ (1937) begonnen hatte: die rücksichtslose Verlegung der polnischen Literatur aus dem Vaterländischen, Moralischen, Psychologischen, ja, Lyrischen in die Sprache. „Trans-Atlantik“ war ihm denn auch nur das (zweite) Kapitel des einen Buches, an dem er sich bis zu seinem Tod im Jahre 1969 schreiben sah: einer „Menschlichen Komödie“ auf Polnisch. Kein Kapitel hat die Landsleute so gegen ihn aufgebracht wie dieses

Gombrowicz rekapituliert darin die Anfänge seiner argentinischen Existenz, als er mit 96 Dollar in der Tasche auf fremdem Boden überleben muß. Als erstes sucht er einen Familien-Bekannten auf, der Polen schon früher verlassen hat. Von ihm bekommt er den ratlosen Rat: „So gehe gleich zur Gesandtschaft, oder geh nicht hin, und melde dich dort An, oder melde dich nicht An ...“

Gombrowicz, oder besser: die Figur mit diesem Namen im Roman, entscheidet sich, zu gehen. Er dringt bis zum Botschafter vor, der ihn sofort mit etwas Kleingeld aus der Hosentasche abzuspeisen und nach Rio de Janeiro weiterzuschicken sucht, „denn Literaten will ich hier keine haben: die Melken und Verleumden nur“.

Da versucht es der Abgewiesene mit Magie. Er sagt, er sei nicht nur Literat, sondern auch Gombrowicz. Der Botschafter hat den Namen noch nie gehört. Gombrowicz demonstriert, zugleich ernst und unernst wie immer, welche Wirkung das suggestive Aussprechen eines unbekannten Künstlernamens auf einen unsicheren Menschen hat. Der Botschafter überlegt: Polen befindet sich im Krieg. Vielleicht kann dieser Gombrowicz nützlich sein. Er soll also Artikel über die Großen der polnischen Kultur schreiben – ausgerechnet er, der sich über die Großen und ihren Stil bisher nur lustig gemacht hat. Als er ablehnt, bleibt dem Botschafter nichts anderes übrig, als Gombrowicz selbst als einen der Großen Polens herauszustellen und feiern zu lassen. Er bringt den Namen Gombrowicz vor Verachtung nicht ohne Verballhornung über die Lippen, aber er wird ihn in der polnischen Kolonie der argentinischen Hauptstadt als den bedeutendsten polnischen Schriftsteller der Gegenwart einführen.