Werners Test war positiv. Aber er hatte niemanden, mit dem er über seine Aids-Infektion sprechen konnte. Zu seinen besten Freunden zählte noch der Abteilungsleiter im Betrieb. An ihn wandte er sich – ein fauler Fehler, wie der 51jährige Berliner heute weiß. Denn der Vorgesetzte lief schnurstracks zum Chef und informierte die Abteilung. Keine drei Tage später wußten es alle 180 Mitarbeiter des Textilunternehmens. Wegen der Unruhe im Betrieb sollte Werner sich krankschreiben lassen, obwohl er voll arbeitsfähig war.

Unterdessen befragte die Geschäftsleitung Werners Kollegen, ob sie weiter mit ihm zusammenarbeiten wollten. Kurz danach hatte sie sieben vorsorgliche Kündigungen auf dem Tisch, nicht nur aus Werners Versandabteilung. „Die Angst vor einer Ansteckung ist so groß, daß ich Ihnen meinen Arbeitsplatz zum nächstmöglichen Termin zur Verfügung stelle, falls Herr K. weiter beschäftigt wird“, schrieb der Leiter des Fuhrparks. „Ich bin nach reiflicher Überlegung zu dem Entschluß gekommen, meinen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen, sollte Herr K. im Betrieb verbleiben“, kündigte die Chefin der Finanzbuchhaltung an. Werner wurde fristlos entlassen. Er ging daraufhin vor das Arbeitsgericht.

Niemand weiß genau, wie viele Werners es jetzt schon gibt und noch geben wird. Geht man – wie etwa die leitenden Ärzte des Universitätsklinikums Essen im März – von bundesweit 80 000 Infizierten aus, dürfte derzeit rein statistisch einer von 750 Arbeitnehmern den Virus in sich tragen. Angst vor Ansteckung, fristlose Kündigungen, fragwürdige Einstellungs-Tests – das ist der Stoff für Konflikte in den Unternehmen.

„Es ist noch kein Riesenproblem, aber es beginnt sich zu entwickeln“, berichtet Bodo Mende, Rechtsberater der Deutschen Aidshilfe in Berlin: Da wird ein Versicherungs-Angestellter von seinen Kollegen geschnitten, weil er sich in einer Fernsehdiskussion als Infizierter zu erkennen gab. Da verliert eine Friseuse ihren Job, weil sich Kunden nicht mehr die Haare von ihr schneiden lassen wollen. Und da wird einem Koch nach einem anonymen Anruf gekündigt, weil der Wirt die Öffentlichkeit fürchtet.

„Längst ist Aids kein ausschließliches Problem einiger Risikogruppen mehr. Doch die Wirtschaft gibt sich keimfrei“, wettert Peter Derschka, Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins Management Wissen. Tatsächlich haben sich die Unternehmen kaum von der Aids-Diskussion beunruhigen lassen. „Gott sei Dank, daß man daran noch nicht denken muß“, sagt Siemens-Sprecher Horst Siebert. Von einer gezielten Firmenpolitik in Sachen Aids hält er nichts: „Da muß von Fall zu Fall entschieden werden.“

„Aids ist kein Problem der Arbeitswelt“, meint auch Friedrich Helbing, leitender Werksarzt der Daimler-Benz AG. Schließlich sei der „Geschlechtsverkehr am Arbeitsplatz die ganz große Ausnahme, und gefixt wird hier auch nicht“. Aufklärung im Betrieb tut seiner Ansicht nach nicht not: „Die Bevölkerung ist ausreichend informiert.“ Im Juni behandelte die Unternehmenszeitung „Daimler-Benz intern“ das Thema Aids immerhin auf einer Seite – mehr soll es vorerst nicht sein.

Die „Unternehmensposition zum Thema ‚Aids‘ aus heutiger Sicht“, faßte der VW-Konzern kürzlich in einem internen Papier zusammen: „Da es sich bei Aids um kein betriebliches Problem handelt, ist nicht vorgesehen, z. B. großangelegte Aufklärungsaktionen vorzunehmen.“ Nur die Auszubildenden sollen, wie bei Daimler auch, von den Werksärzten über den „gegenwärtigen Wissensstand und Präventivmöglichkeiten bei Aids“ informiert werden.