Von Erdmute Heller

Das blutige Massaker von Mekka hat einen historischen Konflikt aktualisiert, der in den letzten Jahren durch das Phänomen des islamischen Fundamentalismus überdeckt worden ist. Das mit Schlagworten wie „Re-Islamisierung“, „Integrismus“ und „Islamismus“ nur vage umschriebene Phänomen einer Politisierung der Religion ist spätestens seit der Niederlage der Araber gegen Israel im Juni-Krieg von 1967 in der gesamten islamischen Welt virulent geworden. Daher erscheint die islamische Welt dem westlichen Betrachter als ein monolithischer Block, der Fundamentalismus als eine homogene Bewegung, deren militante Stoßrichtung vor allem gegen den Westen gerichtet ist.

Die Provokation schiitischer Iraner im sunnitischen Mekka, am Ort der heiligen Stätten des Islam, führt vor Augen, wie eindimensional die westliche Sicht ist. Die Ereignisse von Mekka sind nur mit einem Rückblick auf die Geschichte des Islam zu verstehen, die stets von der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen religiösen Denkrichtungen und Parteien geprägt worden ist. Der Islam kannte – im Gegensatz zum Christentum – in seiner Frühzeit keine zentrale Autorität, die einen verbindlichen Konsens in theologischen Fragen hergestellt hätte. Da er sich gleichzeitig als „Din wa daula“ – als Staat und Religion – verstand, konnte es auch keinen Konsens in staatspolitischen Fragen geben. So kam es schon in der Gründerzeit zum ersten großen Schisma im Streit um die Nachfolge des Propheten, der nicht nur geistiger, sondern auch weltlicher Führer der „Umma“, der islamischen Gemeinde, gewesen war. Dieser Streit hat die Gemeinschaft der Gläubigen im neunten Jahrhundert – zweihundert Jahre nach dem Tod Mohammeds – endgültig in Sunniten und Schiiten gespalten.

Schon in diesem ersten Schisma der islamischen Welt ging es – wie auch in allen späteren religiös artikulierten Auseinandersetzungen – nicht etwa um den „wahren Glauben“. Es ging vielmehr um handfeste Politik, um die Frage der Macht. Dieser Prozeß lief bereits vor über tausend Jahren auf einen latenten Machtkampf zwischen Persern und Arabern hinaus.

Das alte Kulturvolk der Perser war im siebten nachchristlichen Jahrhundert von den Arabern erobert und „islamisiert“ worden. Dies war die erste große Demütigung der Perser durch die Araber in der von nun an gemeinsamen islamischen Geschichte. Die unter dem Banner des Islam aus der arabischen Wüste nach Norden vordringenden Beduinenstämme zerstörten die Paläste der Sassaniden-Herrscher, indem sie ihre Kamele an den Mauern der Paläste festbanden und diese auseinandertrieben. Sie machten die Städte dem Erdboden gleich und vernichteten die Schätze der iranischen Hochkultur. Obwohl der Islam den Buchstaben nach universalistischen Anspruch und egalitären Charakter hatte, war und blieb er in seiner realen Geschichte eine arabische Religion, und auch die Staatstradition war zu allen Zeiten eine arabische. Die Spannung zwischen arabischen und nicht-arabischen Muslimen – zwischen Arab und Mawali –, vor allem zwischen Persern und Arabern, ist eine Konstante in der islamischen Geschichte.

Der heute vom schiitischen Iran ausgehende Ruf nach einem neuen islamischen Universalreich knüpft unmittelbar an diesen uralten Konflikt an: Der nicht-arabische Chomeini erhebt für den nicht-arabischen Iran den Anspruch auf die Führung der Umma, der islamischen Gemeinde. Das ist ein absolutes Novum in der islamischen Geschichte. Denn nach der politischen Doktrin des Kalifats muß das Staatsoberhaupt der islamischen Umma ein Araber aus dem Stamme des Propheten sein. Sowohl die ersten vier rechtgeleiteten Kalifen als auch die Dynastie der Omaiyyaden und der Abbasiden haben diese Voraussetzung direkt, die türkischen Osmanen indirekt erfüllt. Die vier islamischen Gottesreiche vom siebten bis zum zwanzigsten Jahrhundert waren sunnitische Reiche, auf deren Tradition sich die Ideologie des Chomeinismus nicht beziehen kann.

Seit es im siebten Jahrhundert zur Spaltung in Sünna und Schia gekommen war, wirkte der schiitische Islam als Opposition im Untergrund. Aus historischen wie aus religiösen Gründen hat der schiitische Islam bis Anfang des sechzehnten Jahrhunderts keine offene politische Herrschaftsform entfalten können.