Daß Erich Ohser der Mann war, der unter dem Pseudonym e. o. plauen die Schnurren von „Vater und Sohn“ zeichnete – das wird, fürchte ich, zumindest bei den Jüngeren kein Ach-so-Erlebnis mehr auslösen können. Längst haben die „Peanuts“, „Hagar der Schreckliche“ und „Werner“ Ohsers/plauens humorige Bildgeschichten verdrängt. Allenfalls in diesem oder jenem Grundschulbuch wird sich noch eine der teils arg biederen, teils recht ulkigen Stummfilmepisoden um das schelmische Duo finden, vor allem zum Zwecke der pädagogisch wertvollen Nacherzähl- und Wortschatzerweiterungsübungen.

Um so wichtiger also, an Erich Ohser und sein zeichnerisches Werk zu erinnern, wie es sich jetzt die Stuttgarter Staatsgalerie in einer Ausstellung vorgenommen hat (bis zum 23. August, Katalog 38,– DM). Vorgestellt wird eine Auswahl von Zeichnungen Ohsers, vor allem aus den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren. Ohser, 1903 in einem kleinen Ort bei Plauen im Vogtland geboren – daher das spätere Pseudonym: e(rich) o(hser) p(lauen) arbeitete nach Studien an der Leipziger Kunstgewerbe-Akademie zunächst für verschiedene sächsische Zeitungen und ging 1928 zusammen mit seinem Freund Erich Kästner, dessen erste Bücher er illustrierte, nach Berlin. Die Zeichnungen aus dieser Zeit – Tusche, Bleistift, Buntstift – sind deutlich inspiriert von der neuen, der expressionistischen Kunst, dem Stil der „Neuen Sachlichkeit“, von Beckmann und Grosz und zeigen doch ein ganz eigenes Temperament – vor allem die bizarren Waldlandschaften, aber auch die zauberischen, naiv verspielten Skizzen aus Pariser Parks, mit Buntstift zart koloriert.

Die schönste Entdeckung der Stutttgarter Ausstellung aber sind Ohsers Szenen aus dem Berlin am Vorabend der Barberei: Momente in Cafés, Gesichter am Nebentisch, aber auch Bilder aus dem Reichstag. Die Porträtskizzen der SPD-Führer Otto Wels und Rudolf Breitscheid, des Deutschnationalen Alfred Hugenberg – eine Zeichnung zeigt auch die ganze Regierungsbank – sollten, wenn schon nicht im Original, dann wenigstens als Faksimiles im Reichstagsgebäude hängen!

Die Politik wurde Ohser schließlich auch zum Verhängnis. Als Freund Kästners, Mitarbeiter Berliner Kabaretts und zahlreicher republikanischer Blätter, bekam er schon kurz nach der Machtergreifung Berufsverbot, das erst nach seiner Verpflichtung für Ullsteins Berliner Illustrirte Zeitung gelockert wurde. Unter dem später berühmt gewordenen Pseudonym begann er für diese Zeitung seine Geschichten um „Vater und Sohn“ zu zeichnen, arbeitete schließlich aber auch als Karikaturist für die nationalsozialistische Edelpostille Das Reich.

Ohser ist sicherlich ein typisches Beispiel für diejenigen Künstler der „Inneren Emigration“, denen es – zwischen aktiver Anpassung und passivem Widerstand – nicht gelang, die eigene Souveränität glücklich zu verteidigen. In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod: Von einem Hausnachbarn denunziert, wurden Ohser und ein Freund, Erich Knauf, vor den Volksgerichtshof gebracht. Noch vor Prozeßbeginn, im April 1944, nimmt sich Ohser das Leben. Seine Befürchtungen waren berechtigt: Wenige Wochen später wird der Freund Erich Knauf zum Tode verurteilt und hingerichtet. Benedikt Erenz