Von Ulrich Greiner

Der grün angestrichene Winter, wie Heinrich Heine die deutsche Zwischensaison nannte, ist, kaum begonnen, fast schon vorbei, aber die "Sommerlichen Musiktage" in Hitzacker und die "Nymphenburger Sommerspiele" haben trotzdem stattgefunden. Schwere Unwetter schwemmen in den Alpen ganze Berghänge ins Tal, aber die Operettenwochen in Bad Ischl und die Festspiele in Salzburg sind davon nicht berührt. Der unaufhörliche Regen läßt den Bodensee über die Ufer treten, aber in Bregenz halten die Festspielgäste bei Verdis "Ernani" wacker der aufkommenden Feuchtigkeit stand. In Schleswig-Holstein toben, nachdem die letzten Frühjahrsstürme sich verzogen haben, die ersten Herbststürme übers Land, aber den Besuchern des Musikfestivals macht das gar nichts aus.

Dieser Sommer ist als Sommer ein Fiasko, als Festival-Zeit ein Riesenerfolg. Wien, Bayreuth, Berlin – überall Besucherrekorde. Und nicht nur dort: Zwischen Husum und Regensburg gibt es kaum eine Stadt, in der zur Sommerzeit nicht irgendwelche Musikanten oder Theatergruppen durch die Straßen zögen.

Die Kultur der Kultur-Festivals blüht wie nie zuvor. Woher aber kommt das enthusiastische Publikum, wo war es früher? Lesen die Leute weniger, gehen sie seltener ins Museum? Aber nein, die Buchproduktion steigt Jahr um Jahr, der Umsatz im Buchhandel wächst. In den deutschen Großstädten schießen die Museen aus dem Boden, eines prächtiger als das andere, und ihre Besucherzahlen können sich mit denen von Fußballstadien messen. 1985 waren es 52 Millionen. Der allgemeine Kunstverstand ist inzwischen derart hoch, daß keiner mehr Andy Warhols Brillo-Kisten im Kölner Museum Ludwig irrtümlich als Sitzgelegenheit mißbraucht.

Unter den Industriezweigen, deren erhofftes Wachstum die Wirtschaftsinstitute alljährlich schamanenhaft bekakeln, kommt eine Branche nie vor: die Kulturindustrie. Sie entzieht sich einer genauen Analyse, weil sie sich aus allzu unterschiedlichen Quellen speist. Auch die Menschen, die direkt oder indirekt von ihr abhängen, alle die Maler, Komponisten und Dichter, die Schauspieler, Regisseure und Musiker mitsamt ihrem technischen und administrativen Apparat, all die Subventions- und Zirkulationsagenten in den Bürokratien und Medien: Ihre Zahl ist gewaltig und unbekannt zugleich.

Das gilt auch für den Umsatz. Vor einigen Jahren schätzten ihn Fachleute auf dreißig Milliarden Mark im Jahr. Mit der Landwirtschaft hat die Kultur gemein, daß in beiden ein schwer durchschaubares Gemenge aus Subventionsmentalität und Selbstausbeutung herrscht. Die Subventionen für den Agrarmarkt jedoch sind ungleich höher, und während die Butter keiner mehr, will, finden die Produkte der Kulturindustrie reißenden Absatz.

Kultur ist die Wachstumsbranche schlechthin. Die Gemeinden investieren in sie, weil sie begriffen haben, daß ein Theaterfestival die effizienteste Form der Städtereklame sein kann und daß die Subventionen nicht verloren sind, wenn man die nachkulturell getrunkenen Biere und beschlafenen Betten mit einrechnet. Die Mäzene investieren in sie, weil sie gemerkt haben, daß eine Ausstellung junger Künstler der Stadtsparkasse mehr Ansehen einbringt als ein Foyer aus Marmor. Und der Bund investiert in sie, weil er weiß, daß Auswärtige Politik ohne kulturelle Selbstdarstellung nicht funktioniert.