Von Maria Huber

Die heutige sowjetische Führung will die Demokratie erweitern, damit die Gesellschaft mehr Dynamik entwickelt. „Soziale Trägheit und Konservatismus“ (Michail Gorbatschow) versucht sie durch eine Revolution von oben zu bekämpfen und zu überwinden. Von einem – im russischen Kontext – derart historischen Unterfangen schnelle und eindeutige Erfolge zu erwarten, ist illusorisch. Um so mehr interessieren die geschichtlichen Vorläufer und Voraussetzungen dieses ebenso gewagten wie langfristigen Projekts.

In Westeuropa war das Bürgertum Vorkämpfer und Träger von Reformen und Revolutionen, die – über Jahrzehnte und oft unter blutigen Kämpfen – den inneren Aufbau des Anden régime zerstörten. Welche Dynamik und welche Reformen aber erlebte das Zarenreich zwischen Mitte des 18. und Mitte des 19. Jahrhunderts? Wie sah die Bildung des russischen homo oeconomicus und homo politicus aus? Welchen Ideen und Institutionen gaben Regierung und Bürokratie bei der Förderung von Handel und Gewerbe den Vorzug?

Eine umfangreiche Studie des Osteuropa-Historikers Manfred Hildermeier über Stadt und Bürgertum beleuchtet die Vergangenheit einer verspäteten Industrienation. Zwar lag es dem Autor fern, seine Habilitationsschrift so anzulegen, daß sich daraus direkte Schlüsse für die aktuelle Diskussion ziehen lassen. Sein Rückblick auf die Rechts- und Sozialreformen Katharinas II. und ihrer Nachfolger bietet jedoch reichhaltigen Stoff zum Nachdenken über Wurzeln und Wandlungsmöglichkeiten des Sowjetsystems. Das Buch

Manfred Hildermeier: Bürgertum und Stadt in Rußland 1760-1870. Rechtliche Lage und soziale Struktur; Böhlau Verlag, Köln 1986; 689 S., 208,– DM

ist eine Fundgrube nicht nur für die mit dem Thema tendenziell vertrauten Fachleute. Denen freilich – Studenten und Dozenten, die sich mit Systemvergleichen und mit Fragen des sozialen Wandels befassen – sollte es zur Pflichtlektüre werden. Leider steht allerdings zu befürchten, daß weniger die Qualität als vielmehr der Preis des Buches die Nachfrage bestimmen wird.

Dabei kommt auch der nicht fachorientierte Leser schon in der – einem Essay angenäherten – Einleitung auf seine Kosten; er wird sogleich in den Bann größerer Zusammenhänge gezogen. Es waren, so legt Hildermeier eindrucksvoll dar, ausgerechnet die sowjet-marxistischen Geschichtsschreiber, die in ihrem apologetischen Bemühen, „einen Gleichlauf der russischen und westeuropäischen Stadtentwicklung nachzuweisen“, ihren Gegnern ungewollt System-Kriterien zuspielten, ihnen indirekt Fragen nach Bürgerrechten und Marktökonomie in den Mund legten. Denn sie stilisierten die russischen Städte des 18. Jahrhunderts zum Träger der Geld- und Warenwirtschaft, um so – vom Niedergang der Feudalordnung über die Klassen- und Kapitalbildung – die Notwendigkeit der sozialistischen Revolution zu begründen.