Das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart feiert sein 125jähriges Bestehen mit einer Ausstellung („Baden und Württemberg im Zeitalter Napoleons“), die dem Besucher mehr verspricht als prosaische Auskunft über eine Epoche, nämlich „ein visuell und emotional erfahrbares Erlebnis im Raum“.

In der Tat ist das eigentliche Ereignis nicht, was die Ausstellung zeigt, sondern wie sie es zeigt. Die aufwendige Inszenierung triumphiert über die Objekte, denen die Rolle von Versatzstücken zufällt. Alles, von der Kaffeetasse über die Dichterhandschrift bis zum Thronsessel, ist eingebunden in einen Allover-Design, der auf durchaus eindrucksvolle Weise kaschiert, daß Ausstellungen mit über 2300 Gegenständen zwar machbar, aber vom Besucher nicht zu bewältigen sind.

Die erste Hauptabteilung, die vom Entstehen der beiden heutigen Bundesländer berichtet, signalisiert fürstlichen Pomp, die zweite, dem Bürgertum und den niedrigen Ständen gewidmete, mittels Vitrinen in Form von aufrechtstehenden Büchern das neue Bildungsideal der nachrevolutionären Gesellschaft. Der Trick, durch eine sprechende Präsentation dem Besucher eine Vorstellung zu geben von dem, was die unzähligen Dinge, die er nur punktuell wahrnimmt, ihm mitteilen könnten, funktioniert ausgezeichnet – viele werden die Ausstellung, die sie im Grunde nur besichtigt haben, in der Überzeugung verlassen, sie hätten sie gesehen.

Es gab ja einmal tollkühne Ausstellungsmacher (und gelegentlich gibt es sie auch heute noch), die davon überzeugt waren und sind, zur Darstellung einer Epoche genügten auch wenig mehr als fünfhundert Stücke, vorausgesetzt, es handele sich um signifikante Beispiele. Dazu braucht man natürlich ein Konzept, nicht bloß eine Konzeption, und ein überschaubares Team von Mitarbeitern – das Ausleihen ganzer Fakultäten, wie das heute Mode ist, stiftet im Endergebnis nur Verwirrung, denn schließlich leitet jeder der Beteiligten sein eigenes Steckenpferd.

Da nimmt es dann nicht wunder, daß die Überfrachtung geradezu als Tugend gepriesen wird, da sonst das Bild einer Epoche verfälscht würde – so zu lesen im Vorwort des Katalogs zur Ausstellung „Biedermeiers Glück und Ende“ im Münchner Stadtmuseum. Dahinter steckt die Spekulation, daß aus vielen, aus offenkundig allzuvielen Bildern im Kopf des Betrachters ein Bild von der Sache entsteht. Er soll also leisten, womit der Veranstalter überfordert war. Denn weder im Katalog der Stuttgarter Ausstellung noch in dem der Münchner findet sich ein Aufsatz, der eine Totale anvisiert; dafür dutzendweise andere, die sich mit Detailproblemen beschäftigen. Insgeheim wohl sind die Ausstellungsmacher Leute, die inständig hoffen, daß Quantität, wie Karl Marx einst prophezeite, in Qualität umschlage.

Nun ist das leider eine vergebliche Hoffnung, zudem eine, die bei Ausstellungsbandwürmern – und das Münchner Biedermeier-Panorama ist ein solcher – von vornherein irrig ist. Im Stadtmuseum, das nicht über Räumlichkeiten verfügt, in denen man eine Zeit leitmotivisch inszenieren könnte, wird die Besichtigung des Biedermeiers zu einem Slalomlauf, vorbei an allerlei Markierungen, die man beim Einbiegen in die nächste Kurve gerade noch wahrnimmt. Die Frage, warum man derartige Ausstellungen macht, erübrigt sich (der Moloch Publikum will eben gefüttert werden), die, für wen man sie macht, ist schon interessanter. Und die Antwort lautet: Kulturhistorische Ausstellungen sind Ausstellungen, die Kulturhistoriker für andere Kulturhistoriker veranstalten. Die Besucher sind lediglich Statisten, die dafür auch noch bezahlen.

(„Baden und Württemberg im Zeitalter Napoleons“, eine Ausstellung des Landesmuseums im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, bis zum 5. August, der dreibändige Katalog kostet 98 Mark; „Biedermeiers Glück und Ende“, im Münchner Stadtmuseum, bis zum 30. September, Katalog 48 Mark) Helmut Schneider