Der 49jährige Yucio Iwasaci war sechs Monate lang stolzer Besitzer eines Audi 100 – bis zum 14. Juli dieses Jahres. Als sich Iwasaci an diesem brütendheißen Sommertag hinter das Steuer seines deutschen Importwagens setzte und den Motor anließ, passierte es: Mitten im zähflüssigen Verkehr des Tokioter Stadtteils Shibuya preschte der Audi plötzlich mit Vollgas los. Der unbeabsichtigte Kavaliersstart endete nach wenigen Metern mit einem Auffahrunfall. Sechs Pkw und einen Radfahrer hatte der Audi krachend zusammengeschoben. Iwasaci beteuerte der Polizei, sein Automatik-Audi habe sich selbständig gemacht.

Keine zwei Wochen später wollte die 67 Jahre alte Katsue Endo ihren Audi 80 mit automatischem Getriebe aus einem Parkplatz bugsieren. Doch kaum hatte die Autofahrerin die Zündung eingeschaltet und die Handbremse gelöst, brauste der Wagen davon, als habe ein geisterhafter Bleifuß auf das Gaspedal getreten. Den ungewollten Spurt bremste eine Mauer, die Fahrerin landete im Krankenhaus.

Japans Presse, die sonst über Karambolagen dieser Art kaum berichtet, widmete beiden Unfällen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Die war nicht frei von Häme. „Schon wieder ein Audi außer Kontrolle“, kommentierte die Tageszeitung Mainicht Shimbun das Malheur von Frau Endo. Genüßlich erinnerte das Blatt an ähnliche Geisterfahrten von Automatik-Audis in den USA, die den deutschen Hersteller viel Prestige gekostet hatten und zu einer Rückrufaktion führten.

Als einen Tag nach dem Unfallbericht über die Audi-Besitzerin Endo ein japanisches Taxi in Tokio Amok fuhr und zwei Fahrgäste verletzt wurden, demonstrierten die Gazetten Diskretion: Da das Unglücks-Taxi ein landeseigenes Fabrikat war, tat sein Name offenbar nichts zur Sache.

Nicht nur große Zeitungen, auch das für die Sicherheit im Straßenverkehr gar nicht zuständige Handelsministerium (Miti) sorgte kürzlich für Stimmung gegen die in Japan zunehmend erfolgreichen deutschen Automodelle. Mitte Juli forderte das Miti den japanischen Autokonzern Nissan, der das VW-Modell Santana in Japan in Lizenz fertigt, zu einer Rückrufaktion für siebzehntausend Santanas auf. Begründung: In den vergangenen zwölf Monaten hätten zwölf Besitzer von Santanas mit Automatikschaltungen über plötzliche Beschleunigungen geklagt, ohne daß es jedoch zu schweren Unfällen gekommen wäre.

Bemerkenswerte Nachsicht mit den unberechenbaren Automatikwagen zeigte dagegen bisher das verantwortliche Verkehrsministerium. Obwohl die japanische Automobilfahrerunion vier Beschwerden über außer Kontrolle geratene Unfallwagen ihrer Mitglieder aus den Jahren 1982 bis 1985 an das Verkehrsministerium weitergerecht hatte, „ignorierte das Ministerium alle Eingaben“, wie sich die Tageszeitung Yomiuri Shimbun wundert.

Auch als 1986 einer der vier Unfallfahrer gegen den Hersteller auf Schadenersatz wegen plötzlicher Beschleunigung seines Automatikwagens mit Unfallfolgen klagte, sah das Amt keinen Anlaß zu Untersuchungen. Das mag daran gelegen haben, daß der Beklagte Nissan heißt und der Unfallwagen kein Santana-Modell, sondern ein Nissan-Sportwagen war.