Von Gabriele Venzky

Noch vor sechs Wochen war Sri Lankas Präsident Jayewardene bereit, "selbst die Hilfe des Teufels anzunehmen", um den rebellischen Tamilen den Garaus zu machen. Doch in der vergangenen Woche setzte er zusammen mit dem indischen Premier Rajiv Gandhi seine Unterschrift unter einen Vertrag, der den Tamilen eben das zugestand, was Jayewardene niemals zulassen wollte: einen halbautonomen Status und ein eigenes Heimatland, das nicht nur den tamilischen Norden umfaßt, sondern – wenigstens vorerst – auch die umstrittene Ostprovinz Sri Lankas.

Über die Gründe für diesen spektakulären Sinneswandel läßt sich nur spekulieren. Jayewardenes eigene Erklärung auf die Frage, warum er denn nicht früher den Bürgerkrieg beendet habe, der mehrere tausend Menschenleben gekostet hat, ist verblüffend: "Ich hatte nicht den Mut, die richtigen Informationen und die Weitsicht", sagte er. Es klingt wie ein letzter Versuch, mit der buddhistischen Tugend der Demut Eingang in die Geschichtsbücher zu finden.

Doch es steht nicht gut um den Friedensplan, obwohl er das Vernünftigste ist, was die Regierung in Colombo seit der Unabhängigkeit produziert hat. "Die Regierung, das bin ich", hat Jayewardene bereits mit drohendem Unterton klargestellt. Schließlich hat er sich vor acht Jahren, nach nur zweijähriger Ministerpräsidentschaft, ein Präsidialsystem auf den Leib geschneidert, in dem Opposition nicht vorgesehen ist.

Aber der Widerstand hat bedrohliche Formen angenommen. Als Gandhi in der vorigen Woche zur Vertragsunterzeichnung nach Colombo kam, fuhr er durch menschenleere Straßen, in denen die Überreste der Barrikaden noch vor sich hinschwelten und die Trümmer zerstörter Häuser nur notdürftig beiseite geräumt waren. Über ganz Sri Lanka war Ausgangssperre verhängt, nach den schlimmsten Unruhen seit den Tamilen-Pogromen im Juli/August 1983, dem Auftakt zum Bürgerkrieg. Über 500 Menschen waren damals allein in Colombo getötet worden, siebzig Tote lagen diesmal in den Kühlhallen der Krankenhäuser.

Als Rajiv Gandhi sich auf dem Flughafen verabschiedete, versuchte ein Mitglied der Ehrengarde, ihn mit dem Gewehr niederzuschlagen. Auch das war ein deutliches Signal. Denn die Mehrheit der siebzehn Millionen auf Sri Lanka ist gegen das Friedensabkommen. Die militanten Tamilen fühlen sich von den Indern zum Verzicht auf den eigenen Staat, Eelam genannt, erpreßt. Am Montag verstrich der Termin, bis zu dem sie ihre Waffen an die 6000 im Lande stehenden indischen Soldaten hätten übergeben sollen; nicht ein einziges Gewehr war abgeliefert worden. Nun schiebt Guerilla-Führer Prabhakaran eigene Bedingungen nach, und kaum jemand glaubt, daß wirklich alle Waffen übergeben werden. So leicht verzichten die "Tiger" nicht auf ihre besten Trümpfe, mag der indische kommandierende General noch so großspurig tönen, er werde sich die Waffen notfalls mit Gewalt holen.

Immerhin herrscht Ruhe an der Front, an dieser zumindest; dafür ist eine neue entstanden, eine innersinghalesische, die viel gefährlicher zu werden droht als die tamilische, sowohl für den Präsidenten wie für die ganze Insel. Denn Jayewardene ist nur so lange "die Regierung", wie der mächtigste Faktor im Staate, die buddhistische Geistlichkeit, ihn das sein läßt. Bisher gab es keine Schwierigkeiten. Schließlich war "JR", wie auch die Äbte seine Vornamen Junius Richard vertraulich abkürzten, einer der ihren, ein Vorreiter des singhalesischen Chauvinismus. Nun gilt er plötzlich als Verräter. Vom Ausverkauf an die Inder ist die Rede, von Kapitulation vor den Tamilen, von Existenzgefährdung für den Buddhismus gar.