Von Dietz Bering

Am 12. Mai 1932 kam es im Berliner Reichstag zu einem dramatischen Vorfall. Der SPD-Abgeordnete Otto Wels hatte sich mittags im Parlamentsrestaurant mit Dr. Helmut Klotz getroffen, einem ehemaligen Nationalsozialisten und jetzigen Parteifreund. Dieser „Apostat“ war den Nationalsozialisten besonders verhaßt. Jüngst hatte er nämlich, der intime Kenner der Parteiszene, eine Broschüre herausgebracht, in der auch Briefe des Stabschefs der SA, Ernst Röhm, publiziert waren. Die ließen keinen Zweifel, daß dieser Kämpfer für reines deutsches Mannestum homosexuelle Neigungen hatte. An diesem 12. Mai schien vier NSDAP-Abgeordneten eine Strafaktion gegen den „Denunzianten“ Klotz angebracht. Sie schlugen ihn zusammen, gerade als sich sein Gastgeber Wels erhob, um zur Abstimmung zu gehen. Reichstagsbeamte warfen sich dazwischen. Sie gingen dann mit dem Attackierten in die Wandelhallen des Plenarsaals, um die Täter zu identifizieren.

Nach üblichem Rechts-Links-Hin und Her im Ältestenrat verkündete der Reichstagspräsident Lobe (SPD) dies: „Bevor ich die Verhandlungen weiterführe, mache ich die Mitteilung, daß ich die Polizei angewiesen habe, alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen, die den Tatbestand aufhellen und eine Verdunkelung des Falles verhindern.“

Es erscheint auf der Regierungstribüne der Berliner Polizeivizepräsident Dr. Bernhard Weiß, ein vielfach bewährter Beamter jüdischer Abkunft, „worauf die Nationalsozialisten in großes Geschrei ausbrechen“ (Vossische Zeitung). „Isidor! Isidor!“ lautet ihr Ruf. Es kommen dann zirka 50 Schutzpolizisten vorgestürmt, setzen über die Balustraden hinweg, greifen sich zwei Störer und „Isidor“-Rufer. Während dieses Tumults äußert Joseph Goebbels den Satz: „Da kommt das jüdische Schwein, der Weiß, hier herein und provoziert uns durch seine Anwesenheit.“

Man kennt die Gewaltsamkeiten am Ende der Weimarer Republik. Eines allerdings ist rätselhaft und verlangt Erklärung: „Isidor“ – was ist’s mit diesem Kampfruf? Es ist ja ein Vorname, der nichts Jüdisches an sich hat. Keineswegs hebräischer Herkunft, sondern griechischer, bedeutet er „Geschenk der Isis“, was damals wohl nicht viele wußten. Wohl aber wußte man, daß dieser Name bei Juden häufig vorkam und als antisemitisches Schmähwort in Gebrauch war. Gleichwohl bleibt die extreme Höhe der Emotionen unfaßbar. Ein Name sollte eine ganze Fraktion zu wütendem Schreien bringen und einen Polizeipräsidenten, den stellvertretenden Chef von 12 000 Uniformierten, zur zeitweiligen Festsetzung von zwei Abgeordneten?

Die Szene im Reichstag war einer der Höhepunkte eines fünfjährigen Namensfeldzuges gegen den Polizeivizepräsidenten, einen der wenigen übrigens, der die Demokratie offensiv, notfalls mit Gewalt, zu verteidigen bereit war. In der Zeit von 1927 bis 1932 klagte er gegen Joseph Goebbels und andere Nationalsozialisten allein sechzehnmal wegen dieser Namensvertauschung – jedesmal mit Erfolg. Die – gemeinhin rechtslastigen – Gerichte attestierten durchweg, daß das eine strafwürdige antisemitische Beleidigung sei. Dennoch wurde Weiß vom geschmeidigen Zyniker Goebbels immer mehr zum „Isidor“ umfunktioniert.

Goebbels muß die systematische Negativierung jüdischer Namen gekannt haben, geahnt haben auch, daß die Elemente im Sprachbewußtsein als allgemeines Wissen (bei vielen mit deutlich negativer Bewertung) hinterlegt waren und der Name „Isidor“ wohl an besonders exponierter Stelle. So setzte er denn hier an. Seine im Juli 1927 gegründete Zeitung Der Angriff war in den ersten Jahren vornehmlich ein „Anti-Isidor-Kampfblatt“. Es wimmelte von antisemitischen „Isidor“-Karikaturen, von versteckten Apostrophierungen des Spottnamens, von direkten massiven Verhöhnungen der ganz niedrigen Sorte, von Prozeßberichten. Auf daß nur keiner auf die spielgefährdende Idee kam, Weiß heiße wirklich so, wurde der richtige Vorname hinreichend oft eingestreut, mit oder ohne bedeutungsvolle Anführungsstriche.