/ Von Walter Helfer

Dschidda, im August

Bis zum 8. Dhul Hijja 1407 anno Hiaschra oder bis zum Freitag, dem 31. Juli 1987 anno domini, herrschte in Mekka jener Gottesfriede, den der Prophet der islamischen Welt für die Wochen der Pilgerschaft verordnet hat. Sicher, der Geschützdonner zwischen Iran und Irak am anderen Ende der großen Wüste hatte nicht aufgehört, im Tschad, um Marokko bekämpften sich Muslims weiter. Doch wenigstens an den heiligen Stätten von Mekka sollte es friedlich zugehen. Um 18 Uhr, kurz vor dem Maghrib, dem Abendgebet, zu dem sich ungezählte Gläubige eingefunden hatten, fand die pax meccana ein verhängnisvolles Ende.

Schiitische Zeloten aus dem Iran marschierten auf die heilige Moschee zu, um sie zu einer Arena für antiamerikanische Demonstrationen zu machen. Gleichzeitig sollten Kuwait und Saudi-Arabien als amerikanische Marionetten verteufelt werden, weil sie den Kriegsgegner Irak unterstützen. Als Polizei die Demonstranten umleiten und auf andere Gedanken bringen wollte, bekam sie den Kampfgeist der Chomeini-Anhänger zu spüren. Die iranischen Fanatiker griffen mit Knüppeln, Latten, Messern, abgeschlagenen Flaschen an, die Ordnungskräfte setzten Tränengas ein, Autos und Motorräder brannten. Schüsse allerdings soll es nicht gegeben haben; jedenfalls behaupteten die saudischen Behörden, ihre Polizisten hätten nicht eine einzige Kugel abgefeuert. Am Ende waren nach saudischer Zählung 402 Menschen tot: 275 Iraner, die meisten in Panik zertrampelt, 85 Polizisten, 42 unbeteiligte Pilger. Chomeinis Aufrührer hatten dem Propheten, der für die Wochen der Pilgerschaft jede Pöbelei, jeden Kampf, sogar die Jagd verbietet, eine schwere Niederlage bereitet.

Sunniten gegen Schiiten in Mekka – für die islamische Welt insgesamt, aber besonders für die arabische Welt ist das ein Schock. Wie der größte gemeinsame Nenner hat Mekka mit seiner Haram-Moschee die politisch so heterogenen islamischen Staaten bisher zusammengehalten. Auf dem Papier haben der Iran und Saudi-Arabien den Kern des wiedererstarkenden Islam gemein: Beide begreifen sich als fundamentalistisch. Doch das trennt sie mehr, als daß es sie verbindet. Die Saudis bewahren das orthodoxe Erbe Mohammeds zwar rigoros, nirgendwo wird das Sharia-Recht der Alten so ausschließlich praktiziert. Aber zugleich dient diese starre sunnitische Rechtsgläubigkeit auch zur Legitimierung der saudischen Königsfamilie, die das Land wie einen Familienbetrieb regiert. Die Saudis können darauf verweisen, daß weltweit die große Mehrheit der Muslims Sunniten sind.

Die Schiiten auf der gegenüberliegenden Seite des Golfs denken da anders. Sie folgen Ali, dem glücklichsten Erben des Propheten. Während sich nach Mohammeds Tod die Kalifen seines Erbes bemächtigten und daraus weltliche Ansprüche herleiteten, ging die Macht am Schwiegersohn des Religionsstifters vorbei. Die Schiiten, die Anhänger Alis, sind bis heute eine Minorität geblieben, aber eine aufsässige, gelegentlich auch Sozialrevolutionäre.