Daß er, ohne ein Dichter zu sein, dichterisch dachte“, ist mit Hannah Arendts Worten das, „was an Benjamin so schwer zu verstehen war“. Ihre großen Aufsätze über die beiden Dialektiker der deutschen Literatur, „Benjamin, Brecht“ (Piper, SP 12, 9,80 DM; deutsche Erstveröffentlichung 1971), die jetzt neu aufgelegt wurden, bezeichnen mit diesem Zitat nicht nur Benjamins Disposition als Autor, sondern ein Strukturprinzip des essayistischen Schreibens. Denn der – zumal literarische – Essay lebt wesentlich aus der Durchdringung von intuitiven Denk- und Schreibakten mit solchen der wissenschaftlich-diskursiven Disziplin. An Versuchen, die Textform des Essays zu definieren, fehlt es nicht. Doch ist es gerade seine prinzipielle Durchlässigkeit zu den Feldern literarischer und wissenschaftlicher Erfahrung, die seine subjektive Offenheit bestimmt: der Essay – ein Versuch.

Das breite Spektrum literaturanalytischer Essayformen läßt sich gut an der von Walter Hinderer edierten Anthologie „Literarische Portraits von Grimmelshausen bis Brecht“ ablesen (Fischer TB 6474, 14,80 DM; Ev. 1982). Von der literaturwissenschaftlich-unsinnlichen Askese eines Hans-Harald Müller (über Kurt Tucholsky) über Hans Mayers souveräne Solidität (über Friedrich Schiller) bis hin zur mimetisch-spekulativen Hymne einer Ulla Hahn (über Else Lasker-Schüler) reichen die Arten des Zugriffs. Ziel solcher Portraits ist nicht „Wahrheit im photographischen Sinn ..., sondern daß das Objekt vom portraitierenden Subjekt einleuchtend ausgestrahlt wird“, wie Hinderer formuliert und damit die temperamentsabhängige Wandelbarkeit des Essays andeutet. Der Essay ist also kein Monolog des Autors über einen Gegenstand, sondern eher ein Dialog zwischen beiden.

„Daß einer schreiben kann“, brillant schreiben kann, vermerkte Adorno nicht nur in eigener Sache, „macht ihn wissenschaftlich suspekt“. Der Essay als Wissenschaft hat in Frankreich stets weniger Legitimationsprobleme gehabt als bei uns. „Schreiben können“ gehörte und gehört dort zum „guten Ton“ auch bei streng analytischen Autoren. So ist beispielsweise Pierre Bourdieus voluminöse Abhandlung „Die feinen Unterschiede“ (Suhrkamp, stw 658, 30,– DM; dt. Ev. 1982) gewiß kein Buch dichterischer Intuition, sondern ein Standardwerk neuerer Kultursoziologie auf der Basis empirischer Sozialforschung. Es seziert nicht nur die gesellschaftlichen Bedingungen von Kulturproduktion und -rezeption und Geschmacksbildung unter dem methodischen Begriff des „literarischen Feldes“, sondern ist zugleich ein schönes Exempel dafür, wie stilistische Brillanz und eine gewisse sprachliche Lockerheit mit einem streng wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse fraternisieren können.

Darauf verstand man sich in Frankreich freilich stets besser: Von Montaigne, dem „Erfinder“ des modernen Essays, bis hin zu den strukturalistischen Kabinettstücken eines Roland Barthes und dem gegenwärtigen Augenzwinkern zwischen poetischem und diskursivem Ausdruck des Poststrukturalismus führt eine Traditionslinie, die es in Deutschland zwischen dem Entweder des Dichtens und dem Oder des Denkens immer schwer hatte. „Wissenschaft und Kunst sind nicht zu verschmelzen“, so Adorno, „aber die in beiden geltenden Kategorien sind nicht absolut verschieden.“

Umgekehrt sind dementsprechend essayistische Schreibweisen auch längst in die Kompositionen moderner Romane eingewandert. Je problematischer epische Naivität wurde, desto notwendiger das Ferment des Essays: Die Werke Robert Musils, Hermann Brochs und Thomas Manns funktionieren wesentlich aus jener Prise epischer Desintegration, mit der das Essayistische die geschlossene Form in Frage stellt. Heute gilt dies besonders für Autoren wie Milan Kundera oder auch Umberto Eco, der ja als Semiotiker und Romancier für den Essay prädestiniert ist.

Ecos Aufsätze zur Massenkultur, „Apokalyptiker und Integrierte“ (Fischer TB 7367, 14,80 DM; dt. Ev. 1984), haben übrigens, wo sie nach „Kultur-Niveaus“ oder der „Struktur des schlechten Geschmacks“ fragen, unmittelbare Beziehungen zum Ansatz Bourdeus (und widersprechen ausdrücklich Adornos Verdikten über Kulturindustrie). Eco zeigt, daß die Unterschiede zwischen U- und E-Kultur scheinhaft und fließend sind; ihn interessieren die Nahtstellen, die Interferenzpunkte zwischen „Hochkultur“ und „Trivialität“: „Welche geheimnisvollen Bezüge verbinden einen Erfolgsfilm wie ‚Raiders of the Lost Arc‘ mit dem ‚intertextuellen‘ ironischen Spiel der postmodernen Literatur?“

Schreiben kann bekanntlich auch Dieter Wellershoff, der Romancier und bedeutende Essayist Die in „Wahrnehmung und Phantasie“ (Kiepenheuer & Witsch, KiWi 123, 16,80 DM) versammelten Texte bilden eine Auswahl aus dem umfangreichen essayistischen Werk des Autors – „The Best of D. W.“, wenn man so will. „Literatur dient... keiner normativen, ideologischen, intellektuellen Abstraktion, sondern ist ein Medium, in dem sich unsere Wahrnehmung des Lebens erneuert“, und Wellershoff abstrahiert stets nur, um Literatur zu öffnen: die Fähigkeit, einen Text in seiner Tiefenstruktur zu genießen, wird durch die Lektüre dieser Aufsätze beträchtlich erweitert.