Von Hans Schueler

Es gibt neben kritischen – und böswilligen – Standeskollegen auch andere ernstzunehmende Menschen, die bezweifeln, daß der Medizinprofessor Julius Hackethal wirklich der richtige Mann ist, den Diskurs um humane Sterbehilfe in der Bundesrepublik zu fördern. Denn er sucht nicht nur Feinde; er macht sie sich, wo er kann. Er ist ein immerfort zorniger, unduldsamer Egomane, der für seine gute Sache auch schon mal einen Schritt zu weit geht. Als er im Dezember 1984 einem hoffnungslos an Krebs erkrankten Arzt in Schleswig-Holstein per Postpäckchen eine tödliche Dosis Zyankali schickte – mit dem Ergebnis, daß sich die leere Päckchenhülle in einem Hamburger Postamt anfand –, wurden auch einige seiner beruflichen und publizistischen Mitstreiter an ihm irre. Doch im Kern hat er recht.

Unter Ärzten und Juristen umstritten ist bis heute die Sterbehilfe, die Hackethal vor drei Jahren der unheilbar krebskranken, schwer entstellten und unter unerträglichen Schmerzen leidenden Hermy Eckert leistete. Er besorgte der 69jährigen Patientin, die nur zum Sterben in seine Klinik am Chiemsee gekommen war, Zyankali. Die Kranke trank das in Wasser gelöste Gift, in Abwesenheit des Arztes, unter Assistenz einer Freundin, und starb binnen weniger Minuten.

Die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Traunstein erhob daraufhin gegen Hackethal, der den Fall selbst offenbart hatte, Anklage wegen Tötung auf Verlangen, eines Vergehens, das nach Paragraph 216 des Strafgesetzbuches mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bedroht ist. Nach mehr als zweijähriger Prüfung lehnte das Landgericht Traunstein im Dezember vergangenen Jahres die Eröffnung des Hauptverfahrens ab: Der Angeklagte habe die sterbenswillige Frau mangels "Tatherrschaft" nicht getötet, sondern nur – straflose – Beihilfe zu deren Selbsttötung geleistet. Die Ankläger gaben sich mit diesem Bescheid freilich nicht zufrieden; sie legten dagegen Beschwerde beim Oberlandesgericht München ein, das bis heute noch nicht entschieden hat.

Inzwischen hat sich erneut eine Patientin an Hackethal mit der verzweifelten Bitte gewandt, ihr beim Sterben zu helfen, weil sie außerstande ist, sich den Tod von eigener Hand zu geben. Die 27jährige Daniela K. erlitt im April 1983 bei einem Autounfall als Beifahrerin zwei Halswirbelbrüche. Seither ist sie querschnittsgelähmt und kann nurmehr Kopf und Mund bewegen. Der gelähmte Körper bereitet ihr unentwegt starke Schmerzen; selbst-die Haut ist übersensibilisiert, so daß jede Berührung Qualen bereitet. Daniela K. sieht den Tod als einzigen Ausweg aus ihrem Leiden – nicht allein wegen der Schmerzen, sondern auch wegen ihrer entwürdigenden Lebensumstände: Darm und Blase sind ebenfalls gelähmt. Die junge Frau muß ihre Notdurft mit Hilfe von Zivildienstleistenden verrichten. Körperliche Hygiene ist nur unter schwierigsten Umständen möglich. Sie klagt: "Ich habe keine Intimsphäre mehr."

Professor Hackethal hat die Patientin zu Hause besucht und ihr alle erdenkliche medizinische Hilfe, notfalls sogar eine – freilich im Erfolg höchst ungewisse – Operation zur Linderung ihrer Schmerzen angeboten. Vergeblich. Sie will nicht mehr leben. Zum Sterben könnte freilich auch ihr wie Hermy Eckert nur durch aktive ärztliche Unterstützung geholfen werden. Der Professor denkt dabei an einen Tropf mit einer Art Zweiwege-Hahn, den die Patientin mit der Zunge bewegen könnte: Der eine Weg würde eine Kammer mit gelöstem Traubenzucker, der andere eine solche mit einer tödlich wirkenden Narkoselösung in die Blutbahn öffnen.

Allein die vorgesehene Apparatur zeugt vom unsäglichen Dilemma, in das sich ein Arzt begibt, der Sterbehilfe auch in Fällen zu leisten bereit ist, in denen der Nichteinsatz oder das Abschalten lebenserhaltender Geräte oder die Überdosis von schmerzlindernden Mitteln wie Morphium allein nicht zum Ziel führt. Diese Art passiver (durch Unterlassen) oder mittelbarer Sterbehilfe (der Patient fühlt sich wohler, stirbt aber früher) wird inzwischen von der Rechtssprechung stillschweigend toleriert. Der Arzt dagegen, der einem noch lebensfähigen, wenn auch aus guten Gründen lebensunwilligen Patienten zum gewünschten Tod verhelfen will, muß es so einrichten, daß es Selbstmord nicht nur ist, sondern daß es auch allen erdenklichen Umständen nach so aussieht. Denn Selbstmord ist nicht strafbar; also auch die Beihilfe nicht. Andererseits wird er von der öffentlichen Meinung verdammt.