Von Volker Hage

Günter Grass tobte: „Ich schäme mich, so lange einem Verlag angehört zu haben, dessen Besitzer derart zynisch und nichtswürdig mit ihren literarischen Autoren umgehen.“ Und er drohte: „Sollte der Hermann Luchterhand Verlag als Ganzes in den Besitz des holländischen Konzerns übergehen, kann ich nicht mehr Autor des so rücksichtslos verscherbelten Verlags bleiben.“

Es hat nichts geholfen. Am 3. August wechselte der Luchterhand-Verlag den Besitzer. Die Verlagsgruppe Kluwer aus Holland hat das Unternehmen vollständig übernommen. Nicht alle Luchterhand-Autoren sind darüber traurig: Den juristischen Fachautoren des Verlagsteiles in Neuwied erschließt sich für ihre Schriften ein zusätzlicher Markt, sie gehören nun einem der größten europäischen Fachverlage an.

Die Autoren der schöngeistigen Dependance in Darmstadt, Schriftsteller wie Max von der Grün, Peter Härtling, Ernst Jandl, Gabriele Wohmann, sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Es ist in der Tat erstaunlich, wie die alten und die neuen Besitzer mit einem Verlag verfahren, der seinen Ruf eben nicht nur Fachbüchern zum Boden- und Baurecht, zum Straf- und Arbeitsrecht, zur Vermögensbildung und Sozialarbeit verdankt, sondern auch den Gedichten, Erzählungen und Romanen einer Gruppe von Schriftstellern, wie sie in dieser Bedeutung und Kombination nicht alltäglich ist. Vor allem: der literarische Teil von Luchterhand ist heute der wichtigste Verlag unter gesamtdeutschem Aspekt, hier erscheinen die Bücher von Christoph Hein, Hermann Kant, Irmtraud Morgner und Christa Wolf. Der Name Luchterhand hätte in der Welt nicht seinen Klang ohne den Glanz dieser international bekannten Autoren.

In diesen Tagen hat sich ein starkes Stück abgespielt: Man hat den Autoren zu verstehen gegeben, daß sie keine besondere Rolle spielen – und daß es mit der Rolle, die sie sich bisher angemaßt haben, aus und vorbei ist. Die alten Gesellschafter haben am vergangenen Freitag mit sofortiger Wirkung ein Statut gekündigt, das den Autoren einige Mitbestimmungsrechte einräumte, und die neuen Herrscher haben bisher an dem belletristischen Zweig des gekauften Unternehmens keinerlei Interesse gezeigt, mit keiner Geste angedeutet, daß ihnen bewußt ist, was sie sich da – neben dem Fachverlag – einverleibt haben.

Und dabei sollte die Existenz des Beirats gerade verhindern, daß Autoren mit ihren Büchern ungefragt verkauft werden. Es ist vor allem Grass, der sich düpiert fühlen muß. Bis vor kurzem haben die alten Besitzer ihm gegenüber den Eindruck erweckt, sie würden ihr Unternehmen in eine Stiftung umwandeln, bei der Grass eine wichtige Funktion gehabt hätte. Und: Grass ist einst der geistige Vater des nun vom Tisch gewischten Beiratstatuts gewesen.

Im Juni 1976 hatte er bei einer Tagung des Verbandes deutscher Schriftsteller in Darmstadt mit der überraschenden Nachricht aufgewartet: Ihm sei es gelungen, seinem Verlag in zähen Verhandlungen ein Mitbestimmungsmodell abzuringen. Grass hatte ein abgeschlossenes Romanmanuskript in die Waagschale geworfen – es war „Der Butt“ – und nicht nur mit dem Luchterhand-Verlag gesprochen, sondern auch bei S. Fischer und Hanser angeklopft. Die Gesellschafter von Luchterhand waren nämlich zunächst wenig erbaut von den Plänen. Sie ließen sich dann – mehr oder weniger – überzeugen; der Marktwert eines Grass-Romans war immerhin ein Argument.