Von Theo Sommer

Der Krieg zwischen Irak und Iran dauert schon fast sieben Jahre, länger als der Zweite Weltkrieg. Er hat bisher eine Million Tote und Verwundete gekostet. Er hat ungeahnte Grausamkeiten entfesselt, Giftgas-Einsatz und blutige Fleischwolf-Taktik inklusive. Von 333 angegriffenen Öltankern und Handelsschiffen mußten 114 als Totalverluste abgeschrieben werden. Doch der ferne Orlog regte niemanden auf. Das Erdöl – ohnehin nur noch 13 Prozent der in der nichtkommunistischen Welt verbrauchten Menge und nur zwei Prozent des westdeutschen Bedarfs – floß weiterhin durch die Straße von Hormus; der Anstieg der Versicherungsprämien drückte keinen. Der Waffengang zwischen Bagdad und Teheran schien eingedämmt durch ein Gleichgewicht der Ohnmacht, das beiden den Sieg verwehrte. Die Supermächte hielten sich heraus.

Mit einem Male aber ist die Gelassenheit dahin. Die Mine, die ein neun mal vier Meter großes Loch in die „Bridgeton“ riß, hat der Welt klargemacht, wie gefährdet ihre Ölversorgung bleibt. Die Amerikaner haben – wieder einer von Ronald Reagans undurchdachten Kraftakten – im Golf ihre Fahne aufgepflanzt; dies erhöht das Risiko der „vertikalen Eskalation“, des Aufschaukeins eines Regionalkonflikts auf die Supermacht-Ebene. Zugleich hat der Blutfreitag von Mekka verdeutlicht, daß die „horizontale Eskalation“ in vollem Gange ist: die Ausdehnung des iranisch-irakischen Gefechtsfeldes auf die ganze arabische Welt, zumal Saudi-Arabien. Die Pulverfässer sind gefüllt, und überall stieben die Funken. Die Feuerpatsche der Vereinten Nationen – der einmütige Appell des Sicherheitsrates an die Kriegführenden, die Waffen ruhenzulassen – hat bisher nichts bewirkt.

Mit einem Schlage erkennen wir nun auch, daß der orientalische Konflikt weit mehr ist als eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Staaten, wie sie in der Geschichte der Menschheit die Norm sind. Es geht nicht nur um Territorial-Ansprüche und Hegemonial-Ehrgeiz; nicht einmal bloß um die uralte Erbfeindschaft zwischen Persern und Arabern. Was wir derzeit erleben, ist ein Religionskrieg, angefeuert durch ein heilsgeschichtliches Sendungsbewußtsein, das der Staatsräson wenig Raum läßt. Der Ajatollah Chomeini verkörpert es in seiner strengsten Ausprägung, doch seine Art von unerbittlichem Fundamentalismus findet Anklang und Anhang nicht allein im Iran und nicht bloß in der Diaspora der Schiiten.

Angesichts dessen, was viele Moslems als Überfremdung, Verwestlichung, Entwesentlichung begreifen, kann es nicht wundernehmen, daß sich in dem ganzen Halbmond-Bogen von Marokko bis Indonesien die Reaktion rührt. Jede Annäherung an die okzidentalische Kultur scheint für die Moslemin unbedingt verderblich zu sein“, hat schon Jacob Burckhardt konstatiert. Wohl haben sich die Eliten den westlichen Vorstellungen von Reform und Laizismus geöffnet; selbst die puritanischen Wahabiten haben den technischen Fortschritt ins saudische Land geholt. Aber den Massen, die darin vor allem Korruption und Sittenverfall sehen, ist der Fundamentalismus lieber: das althergebrachte einfache, ganz auf Allah zugeschnittene Leben; die theokratische Verfassung; die Eindeutigkeit im Glauben.

Der iranische Parlamentspräsident Haschemi Rafsandschani, der als „Gemäßigter“ gilt, drückt nur das aus, was jeder Fundamentalist glaubt, wenn er sagt: „Der Islam ist wichtig, weil er fähig ist, die westliche Kultur zu besiegen.“ Zwischen Kommunisten und Kapitalisten wird da nicht unterschieden. Sie gelten beide als fluchwürdig; mit beiden wollen die Radikalen nichts zu tun haben. Chomeinis Anhänger stellen sich auf den Standpunkt einer negativen Neutralität: „weder Ost noch West“. Das ist ein Sprengsatz auch im Gefüge des sowjetischen Staates, der zu seinen Bürgern 50 Millionen Muselmanen zählt.

Vor diesem Hintergrund müssen wir die jüngste Entwicklung zwischen Beirut und Bandar Abbas sehen lernen. Gewiß geht es auch um Politik, und da hat sowohl das militärische Instrument seine Bedeutung wie die Diplomatie. Aber mit Flugzeugträgern ist einer Kulturrevolution nicht beizukommen, und der Spielraum der Diplomatie wird eng, wo es nicht um Interessen und deren Ausgleich geht, sondern um Heilsgewißheiten.