Nach ein paar Tagen habe ich mich an die Geräuschkulisse gewöhnt. Wie ein Krähenschwarm, der mich Tag und Nacht begleitet – wütend, klagend oder fordernd, als vielstimmiger Chor oder in vereinzelten Stimmchen: das Geschrei von 27 Babys auf einer Säuglingsstation des „Altonaer Kinderkrankenhauses“ in Hamburg.

Daniel, vier Wochen alt, spuckt und nimmt ab: Verdacht auf Magen-Pförtner-Krampf. Daß ich mein Kind im Krankenhaus nicht allein lasse, war mir immer klar, und doch trifft mich die Situation unvorbereitet.

Im Säuglingszimmer kann ich schlafen, einem von drei Seiten her einsehbaren Glaskasten. Immer fällt Licht von draußen herein, piepen Alarmsignale, hasten Schwestern im Laufschritt über den Flur, stehen Eltern hilflos und mit tiefen Schatten unter den Augen herum. Eine Atmosphäre permanenter Anspannung.

Das Altonaer Kinderkrankenhaus, mit 250 Betten die größte Hamburger Kinderklinik, hat sich sehr frühzeitig aufgeschlossen gezeigt für die Wünsche von Eltern, die zusammen mit ihren Kindern aufgenommen werden möchten. Mittlerweile ist das in nahezu allen Kinderkrankenhäusern hierzulande möglich, und tägliche, lange Besuchszeiten sind die Regel. Das hat allerdings unerwartete Probleme mit sich gebracht. Und es fehlt an allen Ecken und Enden an den Mitteln sie zu lösen. Das gilt im Säuglingsbereich ganz besonders.

Als die Besuchszeit auf der Säuglingsstation noch auf zweimal wöchentlich je 30 Minuten begrenzt war und viele Eltern ihre Kinder nur hinter Glasscheiben sahen, da fielen sie nicht so auf: die nie oder selten besuchten Kinder. Heute sind sie die wirklichen Sorgenkinder in Altona. Es ist schon schlimm, wenn Eltern durch Berufstätigkeit, lange Fahrwege und -kosten und durch die Betreuung anderer Kinder daran gehindert sind, in die Kinderklinik zu kommen. Das größte Kopfzerbrechen bereiten der Krankenhauspsychologin Susanne Börner aber die Eltern, die gar nicht zu Besuch kommen, „weil ihre Kinder behindert oder chronisch krank sind und sie es von vornherein vermeiden, eine Beziehung zu ihnen aufzunehmen. Oder weil es Frühgeburten sind und die Mütter ungeheure Schwellenängste haben, auf die Intensivstation zu kommen, wo ihr Kind im Inkubator liegt und ständig Monitore piepen“. Wenn es keinen anderen Ausweg gibt, versucht Frau Börner, ehrenamtliche „Besuchsmütter“ zu gewinnen, die mit den Babys spielen und sprechen, sie streicheln und bei Schmerzen trösten.

Denn dazu haben die Schwestern keine Zeit. Die Personalknappheit ist ein so gewohnter Notstand, daß ihn meine Gesprächspartnerinnen nur noch beiläufig erwähnen. Seit 1969 sind die entsprechenden Richtwerte der Deutschen Krankenhausgesellschaft nicht mehr geändert worden; im gleichen Zeitraum hat sich die Verweildauer der Kinder in Altona halbiert. Diagnose und Behandlung sind dementsprechend arbeitsintensiv geworden.

Auf der Säuglingsstation sind tagsüber drei bis fünf, nachts zwei Schwestern für etwa 25 Babys zuständig. Mehr als füttern, wickeln und Fieber messen können sie oft nicht. „Es ist ein ständiger Kampf, sich nicht damit abzufinden, daß man die Zeit nicht hat, sich so um die Kinder zu kümmern, wie sie es eigentlich benötigen“, sagt die Stationsschwester Roswitha Dammann, die farbige Kittel mit bunten Knöpfen trägt, weil auch Babys nicht immer nur weiß sehen mögen.