Von Wolfgang Salzert

Noch nie ist eine Tierart in ihrem Bestand gefährdet worden, weil Exemplare für die Haltung im Zoo gefangen wurden. Krokodile und gefleckte Katzen werden Opfer der Damenmode, Nashörner sterben für Aberglauben und Prestigesucht, Wale liefern billigeres Fleisch als Rinder oder Schweine.

Der Zoo wirbt für den Schutz der gefährdeten Natur, denn der Mensch engagiert sich eher für Bekanntes, selbst Erlebtes, als für Unbekanntes. Wer an Kleinkatzen im Zoo Gefallen fand, sich von Kaimanen beeindrucken ließ, wird eher auf Ozelotjacke und Krokotasche verzichten können. Wer Bartaffe, Gibbon oder Totenköpfchen im Zoo bewundert hat, mag tropische Edelhölzer vielleicht für weniger lebensnotwendig erachten. Wer die Anmut einer Meeresschildkröte im Aquarium erlebte, wird sie als Suppe entbehrlich finden. Wer sich an unseren freifliegenden Störchen begeistert, wird nicht mehr gleichgültig wegschauen, wenn die letzten Feuchtwiesen zum Maisfeld drainiert werden. Und wer Delphine und Seehunde nicht nur im Film, sondern leibhaftig auch im Tiergarten erlebt hat, wird die Vergiftung unserer Meere vielleicht nicht mehr als notwendiges und akzeptables Übel betrachten.

Viele Tierarten aber können auf den ungewissen Langzeiterfolg solcher Aufklärung nicht warten, weil sie in ihren angestammten Lebensräumen kaum noch das nächste Jahrzehnt erleben werden. Für diese Tierarten müssen die Zoos eine Flotte von Noahs Archen bilden. Zu oft ist das in der Vergangenheit nicht geschehen. Schomburgkhirsch und Blaubock, Carolinasittich und Kuba-Ara, Quaggazebra und Beutelwolf hätten in menschlicher Obhut vermutlich die Ausrottung ihrer freilebenden Artgenossen überleben und heute wieder in ihre früheren Lebensräume zurückkehren können, wenn man sich rechtzeitig um sie bemüht hätte. Andere Tierarten jedoch verdanken nur den Zoos ihr Überleben: Wisent, Davidshirsch und Arabische Oryxantilope, Urwildpferd oder Hawaiigans könnten wir sonst nur noch in Bilderbüchern betrachten.

Natürlich wären alle Naturfreunde und ganz besonders auch die Zoomenschen am glücklichsten, wenn alle Tierarten in Reservaten überleben könnten und dort für zukünftige Generationen erhalten blieben. Die Wirklichkeit zwingt uns jedoch dazu, uns nicht allein auf den Naturschutz vor Ort zu verlassen. Die kriegerischen Ereignisse in Uganda etwa haben 90 Prozent der Wildtiere dieses Landes das Leben gekostet. Ob noch ein einziges Exemplar der angolanischen Riesenrappenantilope am Leben ist, erscheint fraglich. Das letzte größere Rückzugsgebiet des Sumatranashorns wird von japanischen Holzfirmen gerodet. Der madagassische Mähnenibis hat gute Chancen, bis zum letzten Exemplar im Kochtopf zu landen, bevor eine Zuchtgruppe in irgendeinen Zoo gelangt. Vom Spix-Ara leben noch ganze drei Vögel in freier Natur, vom Java-Nashorn vielleicht noch fünfzig.

Die Liste der Tierarten, die einen Platz auf der „Arche Zoo“ finden sollten, wird immer länger. Schon heute sind der indische Leierhirsch, der sibirische Tiger und der südamerikanische Löwenaffe in den Zoos zahlreicher als in der freien Natur.

Nun meinen einige Tierfreunde und Naturenthusiasten, Zoos könnten diese Funktion der „Arche Noah“ nicht wirklich erfüllen. Es ist sicherlich so, daß erst seit kurzer Zeit das Ausmaß der auf uns zukommenden Aufgabe deutlich wurde, und wir sind noch unvollkommen darauf vorbereitet. Bei manchen Tierarten, die in der Natur auszusterben drohen, ist noch nicht der züchterische Durchbruch gelungen. Tiere wie Großer Panda, Nasenaffe, Wollaffe oder Rallenkranich stellen uns vor ungelöste Probleme. Andererseits sind die Fortschritte sehr ermutigend. Vor einem Jahrzehnt noch schienen die Zoobestände der Gorillas ohne Nachschub aus Afrika auszusterben – heute klappt die Zucht an immer mehr Orten vorzüglich. Der europäische Fischotter galt bis vor kurzem als fast unzüchtbar – heute hat man schon Mühe, die Zoonachzuchten unterzubringen. Geparden oder Lisztäffchen oder Vari-Lemuren ... es ist heute fast immer das Überschußproblem und nicht das Nachschubproblem, das den Zooleuten Kopfschmerzen macht.