Scheinbar eine Kuriosität am Rande der drängenden Probleme der Weltwirtschaft: Europa und Amerika streiten sich – um Nudeln. Der seit 1982 schwelende transatlantische Spaghetti-Krieg stand Anfang dieser Woche zum zweiten Mal binnen Jahresfrist vor seinem offenen Ausbrach. Wie im vergangenen Sommer drohte die Regierung in Washington mit drastischen Strafzöllen von vierzig Prozent auf europäische Teigwaren, während die EG Gegenzölle auf Pampelmusen und Walnüsse aus den USA vorbereitete.

Dabei geht es im Grunde um lächerliche Größenordnungen. Die italienische Teigwarenindustrie (andere EG-Mitglieder sind praktisch nicht betroffen) verkaufte zuletzt Spaghetti, Makkaroni und Lasagne im Wert von rund sechzig Millionen Mark pro Jahr nach Amerika. Das sind ganze 0,03 Prozent der europäischen Gesamtausfuhr in die Vereinigten Staaten. Um jedoch gegenüber der US-Teigwarenindustrie überhaupt konkurrenzfähig zu werden, erhielten die Italiener aus der EG-Kasse eine Exportsubvention von etwa zwei Dritteln des Preises, den sie in den USA erlösten, insgesamt also etwa vierzig Millionen Mark.

Doch nicht diese im Verhältnis zum Warenwert gewaltige Subvention als solche ist Gegenstand des Streites – die amerikanische Regierung, die ihrer Agrarwirtschaft selbst hohe Subventionen zahlt, hat die Tatsache der Exportförderung für Nudeln im Prinzip akzeptiert. Lediglich die Höhe der Zahlungen stand zur Diskussion. Zuletzt war man sich so weit nahegekommen, daß die Europäer eine Kürzung um zwanzig Prozent zugestanden, die USA aber auf 35 Prozent beharrten. Ein Handelskrieg um ganze sechs Millionen Mark?

Gerade der lächerliche Fall der Nudelimporte zeigt schlaglichtartig den Widersinn des Protektionismus. Beide Seiten sind in ein Geflecht von Irrationalismen verstrickt, wobei jeder sich gezwungen sieht, Dinge zu tun, von denen er genau weiß, daß sie falsch sind. Schließlich wird das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag, zwischen dem vermeintlichen Schutz einer Industrie und den materiellen wie immateriellen Kosten der Subvention grotesk.

Es gibt wenig Dinge, in denen sich die Ökonomen so einig sind wie in der Ablehnung von Zöllen und Exportprämien. Der Spaghetti-Krieg könnte dabei als Vorlage für ein Lehrbuch dienen: Die Steuerzahler in Europa bringen vierzig Millionen Mark auf, nur um den amerikanischen Verbrauchern zu künstlich verbilligten Nudeln zu verhelfen. Die tatsächlichen Kosten sind jedoch noch ein gutes Stück höher. Denn die Exportprämie verleitete die Unternehmer in Italien ja dazu, ihr Geld in Ausfuhren zu stecken, die eigentlich gar nicht rentabel sind. Dadurch wurden sie davon abgehalten, produktiver und für die Gesamtwirtschaft nützlicher zu produzieren. Der englische Nationalökonom David Ricardo nannte diesen Vorgang schon vor zweihundert Jahren „Bestechung“ von Unternehmern.

Aber damit nicht genug. Tatsächlich könnten die Italiener ihre Nudeln wahrscheinlich ohne einen Pfennig Subvention in die USA verkaufen, zwänge sie die EG-Agrarmarktordnung nicht, überteuerten europäischen Weizen anstelle billiger Weltmarktware zu verwenden. Genau weiß man das nicht, denn es ist durchaus möglich, daß die betroffene Industrie unter dem Einfluß der Subventionen ganz allgemein ihre Wettbewerbsfähigkeit einbüßte. Der Kern des Problems liegt aber beim europäischen Agrarmarkt. Durch ihre Subventionspolitik schuf die Europäische Gemeinschaft auf der einen Seite ein maßlos überhöhtes Preisniveau für Getreide (der EG-Richtpreis übersteigt den Weltmarktpreis zur Zeit um 138 Prozent) und schuf auf der anderen Seite ständig steigende Überschüsse, die nun mit neuen Subventionen wenigstens teilweise auf den Weltmärkten untergebracht werden sollen.

Es zeigt sich erneut, welche Gefahr der europäische Agrarmarkt für die Wirtschaft insgesamt darstellt. Denn der Spaghetti-Krieg ist eine Kleinigkeit, verglichen mit den Handelsproblemen, mit denen sich Europäer und Amerikaner in naher Zukunft konfrontiert sehen werden. Wenige auf der Welt sind so angewiesen auf den freien Welthandel wie die Europäer. Schon lange nicht mehr war dieser Welthandel aber so gefährdet wie zur Zeit. Vor diesem Hintergrund werden die Agrarsubventionen – der große Sündenfall der EG auf handelspolitischem Gebiet – zu einem strategischen Nachteil mit unabsehbaren Folgen.