Für eine dauerhafte Mehrheit muß sich die Union nach links öffnen

Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im August

Zwar bescheidet Heiner Geißler alle, die ihn nach weiterreichenden Konsequenzen aus dem Unionsstreit um die Chilenen fragen, mit der Antwort, das sei eher etwas für interne Gespräche. Aber in Wahrheit muß ihn freuen, daß sich der Konflikt weit über den akuten Anlaß hinaus zu einer öffentlichen Grundsatzdebatte über die künftige Politik, Strategie und Taktik der Schwesterparteien ausgewachsen hat. Gerade eine solche Debatte auszulösen, war seine erklärte Absieht, als er schon im Juni, lange vor dem Zwist über Chile, dem CDU-Vorstand eine ausführliche Analyse der Bundestagswahl samt der anschließenden Stimmgänge in Hessen, Hamburg und Rheinland-Pfalz vorlegte. Er hatte sie mit einem Vorwort versehen, das sich, wo es von Werthaltungen und Zielgruppen handelt, nun auch wie eine Art Drehbuch für den jüngsten Prinzipienstreit liest.

Derlei Analysen werden in Bonn, wo meist mehr über Symptome als über Ursachen diskutiert wird, schnell vergessen. „Für die CDU als Volkspartei“, so schrieben Geißler und Bundesgeschäftsführer Peter Radunski in ihrem Vorwort, „kommt es darauf an, eine neue breite Wählerkoalition herzustellen, die soziale und wirtschaftliche Interessen, politische Ziele und Werthaltungen zusammenbindet.“ Und als Zielgruppen visierten sie den „neuen Mittelstand, die Arbeiter, Jungwähler, Frauen und die Menschen im ländlichen Raum“ an.

Streit in der Union

Das war zunächst so etwas wie eine Vorneverteidigung, Diagnose der Schwachstellen und Therapie für die Zukunft in einem. Sehr summarisch fassen die beiden Sätze zusammen, durch was und durch wen jene vielberufene „strukturelle Mehrheitsfähigkeit“ der Union bewahrt und ausgebaut werden soll, die am 25. Januar mit dem schlechtesten Wahlergebnis für die CDU/CSU seit 1949 einen so kräftigen Stoß bekommen hat.