Im Mutterland der Demokratie ist es mit der Informations- und Pressefreiheit nicht mehr weit her: Mit allen Mitteln versuchen die Thatcher-Regierung und der Oberste Gerichtshof die Berichterstattung über die Memoiren des Ex-Agenten Peter Wright zu verhindern – und ernten dabei Hohn und Spott.

Ein Geruch von Zensur hängt über dem Land wie nie zuvor in Friedenszeiten“, stellte die Sunday Times pathetisch-erschrocken fest. Ihr linksliberales Gegenstück, der Observer forderte: „Macht Schluß mit diesem Mittsommer-Wahnsinn.“ Die britischen Medien, gleich wo sie politisch stehen, rebellieren gegen ein Urteil des höchsten britischen Gerichts.

Drei der fünf law lords waren bereit, der Regierung Thatcher in ihrem bisweilen verzweifelt komisch wirkenden Kampf gegen den Ex-Agenten Peter Wright mehr zu gewähren, als sie verlangt hatte: Britische Blätter dürfen nicht aus den Wright-Memoiren zitieren, einstweilige Verfügungen gegen den Guardian und andere Zeitungen wurden bestätigt. Presse, Funk und Fernsehen wurde sogar untersagt, über den zur Zeit vor dem Obersten Australischen Gerichtshof laufenden Prozeß zu berichten, wo die Londoner Regierung die Publikation des Buches „Spy Catcher“ zu verhindern sucht.

Die Urteilsbegründung blieben die drei Richter vorerst noch schuldig; auch das ist ein höchst ungewöhnlicher Vorgang. Die Folgen aber reichen weit über diesen Fall hinaus. Künftig genügt eine einstweilige Verfügung gegen eine Zeitung, um die gesamte britische Presse mundtot zu machen, droht ihr doch andernfalls ein Prozeß wegen contempt of court, wegen Mißachtung der Gerichte.

Vehemente Reaktionen auf dieses Urteil blieben nicht aus. Manche Zeitungen veröffentlichten Artikel mit eingeschwärzten Textpassagen oder weißen Stellen, um ihren Lesern drastisch vor Augen zu führen, was im Mutterland der Demokratie aus der Informations- und Pressefreiheit geworden ist. Rundfunk und Fernsehen leiteten Berichte über den Prozeß in Australien mit dem warnenden Hinweis „Zensur“ ein. Andere Presseorgane wiederum veröffentlichten Auszüge aus den Wright-Memoiren und provozierten ganz bewußt strafrechtliche Reaktionen des Generalstaatsanwaltes. Schottische Zeitungen und Büchereien nutzten genüßlich den Umstand aus, daß die Wirkung höchster Londoner Richtersprüche an der schottischen Grenze erlischt.

Am peinlichsten war wohl die massive Urteilsschelte durch die Lords Denning und Scarman, die beide selbst jahrelang das höchste Richteramt des Landes bekleidet haben. Sie stellten unverblümt fest, daß den law lords unverzeihliche Fehler unterlaufen seien, und sich „das Gesetz zum Esel gemacht habe“.

Was aber treibt die britische Regierung dazu, alle nur erdenklichen Hilfsmittel im Kampf gegen die Enthüllungen eines ungetreuen Staatsdieners zu mobilisieren und sich weltweitem Spott auszusetzen, ungewollte PR-Arbeit für das Wright-Buch zu betreiben (das zum Bestseller geworden ist) und Großbritanniens demokratischen Ruf und das Ansehen seiner höchsten Richter aufs Spiel zu setzen?