/Von Rainer Schauer

Sollte die Sehnsucht nach einer langen Reise in die Stille übermächtig werden – vielleicht sollte ich noch einmal nach Frankenhofen fahren, im Sommer, wenn das Getreide reift, an einem Tag wie heute oder wie jenem vor 41 Jahren, als ich zum erstenmal nach Frankenhofen kam. Damals schien auch die Sonne.

Frankenhofen im Unterallgäu, das ist ein Weiler inmitten großer Wiesen, die an die Wälder an der Wertach grenzen, Auwälder, in denen noch in Sumpfniederungen wilde Schwertlilien blühen und an sonnigen Kieshängen Königskerzen samtstachelig in die Höhe schießen. An klaren Tagen sieht man im Süden die schartigen Rücken der Bayerischen und der Allgäuer Alpen. Hier aber ist das Land flach und fruchtbar, hügelig jenseits der Wertach, wo die schmalen Straßen nach Beckstetten und Rieden führen.

Im einzigen Gasthof Frankenhofens, im „Adler“, könnte ich absteigen. Der „Adler“ liegt an der Kreuzung, an der vier Straßen aus allen vier Himmelsrichtungen zusammenlaufen: die aus den Nachbarorten Stockheim und Schlingen, die Straße aus dem Weltkurort Bad Wörishofen, zu dem Frankenhofen seit 1972 als Stadtteil gehört, und die Straße, die durch das Dörfchen über die Brücke und durch den Wald zum Fluß läuft. Den Fluß haben die Planer beruhigt und in mehrere Stauseen gezwängt, die, wie es heißt, der Landschaft angepaßt und als Naherholungsparadies für Angler, Segler, Surfer, Radfahrer und Spaziergänger ausgewiesen wurden. Gewiß, die Landschaftskosmetik ist gut gelungen, aber die Künstlichkeit bleibt. Auch das Wasser fließt nicht mehr klar im steinigen Bett der Wertach. Heute ist es rostbraun und verschmutzt und die Stauseeboden verlanden und verschlammen. Weiden wachsen an den Ufern, an denen Radfahrwege rund um die Seen führen. Auf den Seen bilden Schwäne weiße Geleitzüge und Wildenten und Haubentaucher schaukeln frech auf dem Wasser. Die Eisvögel aber sind verschwunden.

Trotz dieser Idylle aus Menschenhand bleibt die große Reisewelt des nahegelegenen Bad Wörishofen auf der Kurpromenade, wo die Kapellen unter halbmuschelförmigen Dächern gerne die Lieder von gestern spielen und manchmal auch die von vorgestern: „Leb’ wohl, mein kleiner Gardeoffizier.“ In Frankenhofen spielen gelegentlich Trachtenkapellen, wenn die Kirche und ihre Heiligen zum Feiern einladen.

Jeder kennt jeden

Abends, wenn die Kühle vom Fluß heraufweht und die Kühe wiederkäuend auf kahlen Betonböden liegen, könnte ich dann in die Gaststube des „Adler“ gehen und ein paar Einheimischen beim Kartenspielen zuschauen und beobachten, wie ganz langsam die Dunkelheit über den Weiler fällt und mit ihr die Stille. Neun Uhr schlägt das Glöcklein vom Turm der St. Christophorus-Kapelle, die zusätzlich noch den „Vierzehn Nothelfern“ geweiht ist. Dann ist niemand mehr auf den Straßen von Frankenhofen unterwegs. Wohin sollten die Leute auch gehen? Jeder kennt jeden, und das ist seit Generationen so. An dieser Intimität ersterben auch die Gespräche. 90 Bewohner hat Frankenhofen, elf Bauernhöfe, von denen zehn noch im Vollerwerb arbeiten. „Im Süden“, also in Frankenhofen, heißt es im Flächennutzungsplan der Stadt Bad Wörishofen, „hat sich eine ortsfremde Wohnbebauung ergeben, die nicht erweitert werden sollte.“